Edmund Heusinger von Waldegg
Handbuch für specielle Eisenbahn-Technik: unter Mitw. von Fachgenossen hrsg. von Edmund Heusinger von Waldegg: Der Locomotivbau — Leipzig, 1875

Page: 784
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H. Klinge.

Uebrigens war die Geschwindigkeit der Züge, sowie die tägliche Dienstzeit des
Maschinenpersonals damals sehr gering, so dass die Loeomotivfülirer grosse Strapazen
nicht zu bestehen hatten. Sie waren gewöhnlich auch jung und kräftig, und da sie
verhältnissmässig gut bezahlt wurden , konnten sie sich gut ernähren und dadurch
diejenige animalische Wärme entwickeln, welche den Menschen, trotz grosser An-
strengung, bei rauher Witterung frisch und aufrecht erhält.
Aut manchen Bahnen ging der Loeomotivfülirer mit seinem defecten Fahrzeug
in die Reparatur und wurde er so vom Fahrdienst oft wochenlang fern gehalten, wo-
durch die Angriffe auf seine Gesundheit in ihren Wirkungen einen Stillstand erfuhren
oder ganz ausgeglichen wurden, so dass er in der Regel neu gestärkt und gekräftigt
mit seiner curirten Locomotive in den Fahrdienst zurücktrat.
Ferner wurde durch Lieferung warmer Bekleidung und Gewährung von Kleider-
geldern an das Führerpersonal das Nöthige gethan, dass dasselbe sieh vor dem Un-
wetter nothdiirftig schützen konnte.
Nach und nach änderten sich die Betriebsverhältnisse in einer für das Loco-
motivpersonal sehr ungünstigen Weise. Die Zuggeschwindigkeit der Personenzüge
wuchs von Jahr zu Jahr und damit auch die Intensität der Witterungseinflüsse. Die
tägliche Dienstzeit wurde bei der wachsenden Ausdehnung der Bahnen und dem oft
rapiden Wachsen des Verkehrs bei unzureichenden Kräften und Betriebsmitteln ver-
längert, und auf die Nachtzeit ausgedehnt. Es wurden besondere Güterzüge einge-
führt, welche bei ihrem langsamen Gange eine lange Dienstzeit des Führers bedingen.
Es wurden Uebernachtungen des Führers auf fremden Stationen erforderlich, wo ein
Kleiderwechsel schwierig und eine genügende Ruhe unmöglich war. Der junge Lo-
comotivführer war mittlerweile älter und auch bequemer geworden; die nach und nach
eintretende Vertheuerung aller Lebensbedürfnisse gestattete ihm dagegen nicht mehr
die früher gewohnte kräftige Ernährung seines Körpers, so dass er häufig sich mit
Mitteln gegen die Angriffe auf seine Gesundheit zu schützen anfing, welche in seiner
Instruction als »verbotene« bezeichnet waren. Namentlich suchte und fand er in dem
häufigen Genuss geistiger Getränke das entsprechende Remedium, wodurch er nicht
selten zum gewohnheitsmässigen Trinker und — unbrauchbaren Führer sich heraus-
bildete. Der intelligente Führer half sich gegen die Unbill der Witterung auch wohl
auf eigene Faust durch Aufschlagen eines transportablen Schirmes über der Hinter-
kante der Feuerkiste, so dass nur der nüchterne und gewissenhafte Führer nach wie
vor der leidende Theil war und nicht selten in der Blüthe seiner Jahre den unter den
ungünstigsten Verhältnissen durchgeführten Strapazen erlag.
Solche Erscheinungen konnten auf die Dauer nicht unbeachtet bleiben und
schafften bei den Betriebsvorständen der Ueberzeugung Raum, dass den veränderten
Verhältnissen Rechnung zu tragen sei. Ueber das Wie und Wie weit jedoch gingen
die Ansichten noch auseinander, da sich noch immer der eine mehr, der andere weniger
von der Ansicht beherrschen Hess, dass der Loeomotivfülirer nur dann seinen Dienst
mit Zuverlässigkeit versehen könne, wenn er möglichst frei auf der Maschine stehe.
Es drangen wohl Nachrichten von Amerika herüber, dass man dort zum Schutz des-
selben Dächer über dem Führerstande angebracht habe, indessen blieb man über die
Ungefährlichkeit derselben in Zweifel; war doch der Betrieb auf den amerikanischen
Eisenbahnen im Allgemeinen als besonders zuverlässig nicht bekannt.
Zunächst verstand man sich indessen dazu, dass die Locomotiven mit niedriger
Feuerkiste nach Sharp mit einem aufrechtstehenden geraden Blechschirme versehen
wurden, welcher in der Breite der Feuerkiste vom Bodenblech ab ca. 2m hoch war und
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