Velde, Theodor Hendrick van de
Die vollkommene Ehe / Velde, Th[eodor] H[endrik] van de ; Eine Studie über ihre Physiol. u. Technik — Leipzig & Stuttgart : Konegen, 1927

Seite: 12
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Kapitel II
Einblicke in die Allgemeine Geschlechtsphysiologie
des Menschen
ERSTER TEIL
Die Evolution des Geschlechtstriebes
Geschlechtsgefühle und innere Reize
Geschlechtstrieb und Selbsterhaltungstrieb regieren das Leben.
Jener dient der Erhaltung der Art, dieser der des Individuums. Dem-
entsprechend ist der Geschlechtstrieb wichtiger für die Natur als
der Selbsterhaltungstrieb, weshalb er auch der stärkere ist. Das
zeigt sich in der Tierwelt, wo gerade die Tüchtigsten unter den
Männchen ihr Leben am freudigsten in die Wage werfen bei dem
Kampf um das Weibchen; das läßt sich bei den primitiven Menschen
in gleicher Weise erkennen; das ist auch tagtäglich wahrnehmbar
bei den Zivilisierten, welche sich, um ihren Geschlechtstrieb zu be-
friedigen, allen möglichen Gefahren aussetzen und nicht selten ihr
Dasein der Liebe zum Opfer bringen.
* *
Daß Geschlechtstrieb im Grunde genommen Fortpflanzungs-
trieb ist, scheint mir nicht zweifelhaft zu sein; aber ebensowenig
zweifelhaft ist es, daß er sich mehr und mehr von jenem differenziert
hat. Sogar in theologischen Kreisen wird das zugegeben. So ge-
steht z. B. Pastor Ernst Baars in der Zeitschrift „Sexualpro-
bleme“, 1909, p.753, „daß der Wille zur Zeugung gegenüber dem
Begattungstrieb durchaus in den Hintergrund tritt“.
Der Fortpflanzungstrieb hat mit dem Fortschreiten der Zivilisation
an Stärke eingebüßt. Bei der Frau ist er noch am besten erhalten
geblieben. Möge er auch weit davon entfernt sein, sich in einem
„Willen zur Zeugung“ zu bekunden, als Hang zur Mutterschaft, als
„Schrei nach dem Kinde“, kann man ihn bei dem allergrößten Teil
der Frauen wahrnehmen.
Anders bei dem Manne: das einzige, was dort vielleicht noch an
den Fortpflanzungstrieb erinnert, mag in dem, übrigens gewiß nicht
allzuseltenen und manchmal sogar heißen, Wunsch bestehen, von
der geliebten Frau ein Kind zu haben, d. h. die Liebesverschmel'
zung mit ihr dauernd gestaltet zu sehen, — ein Wunsch, weichet
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