Velde, Theodor Hendrick van de
Die vollkommene Ehe / Velde, Th[eodor] H[endrik] van de ; Eine Studie über ihre Physiol. u. Technik — Leipzig & Stuttgart : Konegen, 1927

Page: 13
Citation link: 
http://tudigit.ulb.tu-darmstadt.de/show/37-1525/0030
License: Creative Commons - No rights reserved (CC0)
0.5
1 cm
facsimile
sich mit der ungefähr gleich gearteten Komponente bei dem wahr-
haft liebenden Weibe deckt1). Dieser Wunsch, der in dem dazu
Veranlagten verstärkt wird von einem mystisch-angehauchten Drang
zur Erlangung von Unsterblichkeit durch Kontinuierung seines Keim-
plasmas und Vererbung seiner persönlichen Eigenschaften, hat aber
wenig oder nichts wirklich Triebartiges2), Unwiderstehliches mehr
an sich. Er kann sich höchstens zur Sehnsucht steigern. A fortiori
das für die übrigen Beweggründe, welche den Mann nach Pro-
genitur verlangen lassen. Ob diese nun Familien-, Namens-, Ver-
m°gens-, Geselligkeits-, Gewohnheits-, oder gar Eitelkeits-Rücksichten
entspringen, sie sind durchweg vernunftmäßiger Natur, — womit
nicht gesagt sein soll, daß derartige Beweggründe nicht den Cha-
rter eines sehr starken Dranges annehmen können.
Somit schaltet der Fortpflanzungstrieb als Bestandteil des Ge-
schlechtstriebes bei den Kulturvölkern wohl ziemlich aus, und dieser
2eiS't sich als durch Evolution aus jenem hervorgegangen.
* *
*
Von vielen und bedeutenden Autoren (nennen wir z. B. Hegar
Und Eulenburg) wird der Geschlechtstrieb, unter Abzug einer Fort-
Pflanzungstrieb-Komponente, als Begattungstrieb betrachtet.
kh kann mich ihnen nicht anschließen. Wenn auch die Begattung
2weifelsohne im Mittelpunkt des geschlechtlichen Begehrens steht,
muß doch diese Bezeichnung abgelehnt werden aus der Uber-
,£ung heraus, daß sexuelle Betätigung nicht mit Begattung iden-
tisch ist und der Trieb zu dieser Betätigung gewöhnlich, wenn nicht
jmmer, schon bei Kindern besteht, lange bevor sie von der Mög-
I „ keit einer Begattung Ahnung haben; weiter auf Grund der Er-
^gung, daß oft eine andere Befriedigungsart dem Coitus Vorge-
hen wird.
^ ) Vgl. die Schlußworte von AdelbertvonChamissos Gedicht „Süßer Freund,
j “hckest mich verwundert an“, aus dem Zyklus „Frauenliebe und Leben“,
yCren Wirkung R obert Schumann nicht allein durch seine rührend-schöne
ert°nung, sondern auch durch die Wiederholung, so ungemein verstärkt hat:
„Kommen wird der Morgen, wo der Traum erwacht,
Und daraus dein Bildnis mir entgegenlacht,
w — dein Bildnis 1“
£k. Wle man sieht, gebrauche ich das Wort „Trieb“ im engeren Sinne von Krafft-
II > was auch zu dem Begriffe „Geschlechtstrieb“ paßt, — nicht im schwächeren,
o-„?er,wrneren Sinne Wundts, der mit dem Worte nicht mehr als Neigung, Be-
r> unsch, Drang andeutet.

13
loading ...

DWork by UB Heidelberg
Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt   |    Imprint   |    Datenschutzerklärung   |    OAI   |    RSS   |    Twitter   |    seo-list