Velde, Theodor Hendrick van de
Die vollkommene Ehe / Velde, Th[eodor] H[endrik] van de ; Eine Studie über ihre Physiol. u. Technik — Leipzig & Stuttgart : Konegen, 1927

Page: 275
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Der Gatte ist der Lehrer. Und ein Lehrer muß an erster Stelle
über Geduld und Selbstbeherrschung- verfügen. Das sind zwei Eigen-
schaften, die der Mann in einer akuten Periode seines geschlecht-
lichen Lebens wahrlich nicht leicht aufbringt. Und so stellen sich
meistens auch für ihn die heiß ersehnten Flitterwochen als eine Lehr-
zeit heraus, eine Lehrzeit in ehelichem Altruismus und in sexueller
Selbstverleugnung, ein wirklicher Purgatorio (Berg der Läuterung).
Und gerade in dieser Zeit wird ihm das Sprichwort der russischen
Bauern in Erinnerung kommen: „Auch eine gute Ehe ist eine Bußzeit.“
* *
*
Die Erweckung des geschlechtlichen Empfindens der Frau kann
nur allmählich stattfinden, — bei der einen freilich in bedeutend
rascherem Tempo als bei der anderen. „Übung und Schonung“
heißen auch hier — wie gewöhnlich, wo es sich um die Entwicklung
von latenten körperlichen und psychischen Fähigkeiten handelt — die
Prinzipien, die zur Anwendung kommen sollen. Schonung beson-
ders in den ersten Tagen nach der Defloration, solange die Hymenal-
stelle noch schmerzempfindlich ist. Schonung auch weiter noch, so-
lange die Vulva, infolge der noch nicht gewohnten Reizungen, eine
gewisse Irritation (entzündliche Röte, Schmerzhaftigkeit) aufweist.
Übung wie bei allem, was gelernt werden muß, richtig dosiert,
stufenweise vorwärtsgehend, und was die Technik der Vergattung
anbetrifft, sicher nicht sprungweise oder allzu rasch fortschreitend.
Die Variationen des Coitus z. B. kommen erst später in Betracht;
sie gehören schon zum „höheren Unterricht“.
Dieser wird aber am besten bis nach der Rückkehr von der
Hochzeitsreise verschoben. Das hat mancherlei für sich: Es bleibt
eine genügende Zeit für den „Elementar-Unterricht“. Die an sich
schon anstrengenden ersten Wochen werden nicht noch mehr über-
lastet, und der Zeitabschnitt nach der Rückkehr, der gerade in psy-
chischer Hinsicht, besonders für die Frau, prekär ist, (weil der Mann
wieder von seiner Arbeit beansprucht wird und sie sich „allein“,
oft sogar schon „vernachlässigt“ fühlt) wird für beide durch den
jetzt einsetzenden „höheren Unterricht“, durch die „Erziehung zur
Hoch-Ehe“ gehob en.

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