Strauss, Walter
Die Darstellung des modernen Eisenbahnwesens, insbesondere der Lokomotive, als Lehrmittel für Hochschule, Schule und Volksaufklärung — Darmstadt, 1922

Page: 14
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Drittes Kapitel.

Aufklärung durch das betriebsfähige Modell


„The object, which is capable of moving
itself, seems endowed with a form of intelli-
gent „life“ which one cannot associate with
other varieties of machinery."
Basset-Lowke, Garden-Railways.
ie Frage nach dem zeitlichen Entstehungsverhältnis
zwischen betriebsfähigem Modell und leistungs-
fähiger Kraftmaschine führt zu einem überraschenden
Ergebnis: entgegen der allgemeinen Erwartung ist
der Vorrang dem Spielzeug zuzuerkennen, von dem
aus erst in der bittersten Not, als alle anderen Hilfs-
mittel der Technik versagten, der Übergang zur Arbeit leistenden Maschine erfolgte.
Wenn man bedenkt, mit welch' primitiven Mitteln die ehrsamen Kunstmeister, die
in einer Person Erfinder und Konstrukteur, Unternehmer und Arbeiter verkörperten,
diesen gewaltigen Schritt vom Kleinen, Übersehbaren in das Große, Unerforschte taten,
so ist es beschämend, wie heute der umgekehrte Schritt von der erfahrenen Praxis des
Großbetriebs zu seiner Nachbildung als Lehrmittel und Spielzeug mit den modernen
Werkzeugen so kläglich ausgefallen ist. Während in der Entwicklung des müßigen
Gelehrtenspielzeugs zur wirtschaftlich bedeutsamen Maschine ein gewaltiger Fortschritt
zu erblicken ist, so ist von einem solchen bei dem gegenläufigen Übergang von der nahezu
vollendeten Arbeitsmaschine zum Lehrmittelmodell nicht zu reden. Mit der Umkehrung
der Entwicklungsrichtung ist leider auch, unberührt durch die Fortschritte der Kultur,
ein Stehenbleiben und im Vergleich zu der Weiterentwicklung des Großbetriebs ein
relatives Zurückgehen zu verzeichnen.
Der gemeinschaftliche Grundzug aller Ursprungsmodelle aber ist die Betriebsfähig-
keit, die sie als Keim des noch nicht vorhandenen Großbetriebs in sich getragen. Von
der ersten Aelopile bis zu dem zierlichen Dampfwägelchen von Murdock, überall spürt
man diese treibende, nach Freiheit ringende Kraft. Abgesehen von ihrer Anwendung als
Dampfkanone, zum Heben von Wasser, zum Orgel-, Grotten- und Fontänenbau haben
alle Versuche, sie motorisch, d. h. in drehender Bewegung nutzbar zu machen, noch bis zum
Anfang des 18. Jahrhunderts einen mehr oder weniger spielerischenCharakter; eine ernsthafte
Arbeitsleistung kommt über den Antrieb von Musikwerken und Bratspießen nicht hinaus.
Die Antriebsmaschine stellt in allen diesen Fällen eine Aelopile dar, die Vorläuferin
unserer Dampfturbine, wegen ihrer erstmaligen Erwähnung durch Heron von Alexandrien
auch „Heronsball“ genannt. Der in zuweilen künstlerisch verzierten Becken erzeugte
Dampf strömt durch die Holzwelle in das Innere der Kugel und setzt diese nach dem Reak-
tionsprinzip durch den Rückstoß beim Entweichen aus den gleichstimmig, rechtwinklig
umgebogenen Ausströmstutzen in drehende Bewegung. Während von einer motorischen
Ausnutzung dieser Drehkugel zum Antrieb eines Bratspießes zum ersten Male von Stuart
im Jahre 1597 berichtet wird, empfiehlt der Bischof Wilkins in seiner „Mathematical
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