Strauss, Walter
Die Darstellung des modernen Eisenbahnwesens, insbesondere der Lokomotive, als Lehrmittel für Hochschule, Schule und Volksaufklärung — Darmstadt, 1922

Page: 31
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Fünftes Kapitel.
Lokomotivtype und ihres Antriebs

„Einst schlugen sie Eisen
^ ^ / den Pferden auf den Huf, ^ ^
chon beim flüchtigen Durchblättern der deutschen
Spielwaren- und Lehrmittelkataloge kann man durch-
’ i1 il LlrT\ ■ weg die Beobachtung machen, daß nur die vereinzelten
teueren Maschinen, ganz abgesehen von den Verirrungen
WJjp#^1 in ihrer Konstruktion, sich in Form und Aussehen
ihren Vorbildern aus der Wirklichkeit des Großbetriebs
nähern, während die zahlreichen Maschinen der kleinen und billigen Spurweiten in dieser
Beziehung vollkommen vernachlässigt und stiefmütterlich behandelt werden.
Ob Uhrwerk- oder Dampfantrieb, in beiden Fällen zeigen die Maschinen ein unbehol-
fenes, der Praxis widersprechendes Aussehen, während die elektrischen Lokomotiven dabei
bedeutend besser wegkommen, weil sie mangels äußerlich sichtbarer Triebwerksteile aus
einem nur das Gehäuse nachahmenden, bedruckten Blechstück hergestellt werden konnten.
Das ist auch der Grund dafür, daß die wenigen gefälligeren Maschinen meist einen eng-
lischen Typ nach Vorbildern wie ,,The Lady of the Lake, Claude Hamilton, Queen Ale-
xandra, Sir Alexander, Black Prince, George the Fifth und Precursor“ darstellen, während
die deutschen Typen infolge ihrer bombastischen Überladenheit an unwichtigen Neben-
sächlichkeiten von Windschneiden, Schornsteindeckeln, Nieten, unter Vernachlässigung
einer richtig durchgeführten Steuerung als verfehlt anzusehen sind. Das charakteristische
triebwerksfreie und farbenfreudige Aussehen der englischen Lokomotive bot eben der einer
technisch-konstruktiven Durcharbeitung abholden deutschen Lehrmittelindustrie ein
bestechendes Lockmittel, ohne Mühe einen buntscheckigen, deutsch-englischen Mischling
als sogenanntes ,,Lehrmittel“ mit „hochfein vernickelten Armaturen“ in das Schaufenster
zu stellen. Wie mitgenommen und verschmort jedoch eine derartige Dampflokomotive
nach ihrer ersten Inbetriebnahme bereits aussah, dessen wird sich wohl mancher Besitzer
noch deutlich erinnern.
Erst auf dem Gebiet der spur- und antriebslosen sogenannten „Bodenläuferbahnen“
gelang es Gebrüder Bing, Nürnberg, einen ansprechenden kompletten Expreßzug auf den
Markt zu bringen, der in fehlerloser Nachahmung reinenglisches Eisenbahnwesen darstellt.
Warum wird nicht einmal hier bei der niedrigsten Stufe des Modellwesens, wo es außer
den Rädern wegen des fehlenden Antriebs keine beweglichen Teile gibt, versucht, unsere
deutschen Typen darzustellen? Es wäre hier doch ein willkommenes Mittel geboten, eine
Aufklärung wenigstens über die Typengestaltung als Schnellzug-, Personenzug-, Güter-
zug- und Verschiebelokomotive zu billigem Preis unter das Volk gelangen zu lassen.
Einem Engländer würde es nie einfallen, die Lokomotivtype einer fremden Nation als
Lehrmittel in den Handel zu bringen, weil er damit bei der konservativen Art seiner Rasse
nur eine Ablehnung erfahren würde.
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