Strauss, Walter
Die Darstellung des modernen Eisenbahnwesens, insbesondere der Lokomotive, als Lehrmittel für Hochschule, Schule und Volksaufklärung — Darmstadt, 1922

Page: 41
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Sechstes Kapitel.
Miniatur- und Garteneisenbahnen.
,,To none, of course, is the Sensation of life
so real, as to the one wlio has the Charge and
direction of the object in question who under-
stands its very throb and pulsation and who
is known not infrequently even to talk to
the machine as a friend.“
Basset-Lowke, Garden-Railways.
n der Entwicklung des Modellbaues nimmt als Übergang
zur Wirklichkeit die Miniatur- oder Garteneisenbahn die
höchste Stufe der Vollkommenheit ein. Geboren in England,
dem Lande des Sports und der Bewegung, hat sie in Deutsch-
land leider noch keinen festen Fuß gefaßt mit Ausnahme
der einstmaligen Ausstellungsbahnen in Breslau und Köln
und der in Hagenbecks Tierpark bei Hamburg (Abbildung 12).
Leider wird dieses für die Aufklärung der Jugend so wichtige Lehrmittel als solches
wegen seiner Größe nicht mehr anerkannt und vielfach nur als Spielerei betrachtet aus
der irrigen Ansicht heraus, es sei besser, an Stelle der Miniaturlokomotive eine richtige
Kleinbahnmaschine einzuführen. Damit wäre der erzieherische Zweck gänzlich verfehlt,
denn täglich kann man die Beobachtung machen, daß beim Einlaufen eines Zuges in
die Kopfstation einer Großstadt Tausende des reisenden Publikums achtlos an der Loko-
motive vorüberhasten, ohne auch nur einen einzigen Blick auf dieses Wunderwerk der
Technik zu werfen, dessen schneller Fahrt sie ihre Ankunft überhaupt erst verdanken.
Und wenn wirklich einmal ein Vater mit seinem Jungen vor der Lokomotive stehen bleibt,
so ist das schon ein Ereignis von großer Seltenheit.
Diese täglich zu beobachtende Tatsache ändert sich mit einem Schlage bei der Miniatur-
Eisenbahn, die von früh bis spät von einer jugendlichen Schar beiderlei Geschlechts
umlagert ist. Wer einmal gesehen hat, mit welcher Ungeduld und welchem Ungestüm
sogar die Kleinsten ihre Eltern und Begleiter zu der Garten-Eisenbahn hinziehen und mit
einer kaum zu beantwortenden Fülle von Fragen ihre angeregte Wißbegier zu befriedigen
suchen, der wird von diesem Zeitpunkt an anderer Meinung sein.
Vor eine große Lokomotive geführt, weicht der Knabe meistens unter dem Eindruck
des ihn so gewaltig überragenden Ungetüms und seiner durch zeitweises Dampfausströmen
sich kundgebenden geheimnisvollen Kräfte ängstlich zurück: er kann die Maschine, die
ihm eher Furcht als Interesse einflößt, nicht übersehen; das Gesamtbild, die charakte-
ristischen Merkmale gehen verloren, während vielleicht in der Augenhöhe befindliche
unwichtigere Teile, aus dem Zusammenhang herausgerissen, trotz sachgemäßer Erklärung
nur unklare Vorstellungen geben können.
Die Miniaturlokomotive, die in ihrer Größe kaum des Knaben Körperbau überragt,
erweckt im Fluge sein Vertrauen und wird sein Spielkamerad, den er ohne Scheu betastet,
streichelt und liebkost wie einen treuen Hund. Und von dem Augenblick an, wo erst einmal
das Zutrauen gefaßt ist, geht der Knabe aus sich heraus: er fragt nach allem, was ihm noch
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