Strauss, Walter
Die Darstellung des modernen Eisenbahnwesens, insbesondere der Lokomotive, als Lehrmittel für Hochschule, Schule und Volksaufklärung — Darmstadt, 1922

Page: 79
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Zwölftes Kapitel.

Die Darstellung

Eisenbahn- Kunstbauten

- f

*

I

„Und keiner ist verächtlich und schwach genug,
Daß nicht auch ihn aufrüttelnd ein Stolz durchzuckt,
Wenn durchs Gebirg’ auf dröhnender Bahn der Zug
Hinstürmt von Viadukt zu Viadukt.
Denn hier hat Menschenarbeit Bogen an Bogen
Triumphbogen durch die Natur gezogen.“
Gerhart Hauptmann.
st mit dem Kapitel des Signalwesens im Anschluß an
die des Lokomotiv-, Wagen- und Gleisoberbaus die
Mehrzahl der englischen Lehrmittelkataloge über Eisen-
bahnen erschöpft und nur anhangsmäßig auf wenigen
Seiten sonstiges Zubehör erwähnt, so zeigen umgekehrt an dieser Stelle deutsche Kataloge
eine große Entfaltung in Wort und Bild unter vollständiger Verkümmerung der vier
genannten Hauptabschnitte. Wo also die britischen Kataloge enden, fangen die deutschen
erst richtig an; der Begriff von Haupt- und Nebensache ist hier widersinnig vertauscht,
und unnützer Kleinkram zu bedeutungsvoller Wichtigkeit erhoben.
Der Grund dieser bedauerlichen Erscheinung ist eben in dem Charakter der deut-
schen Spielwaren- und Lehrmittelindustrie zu suchen, die überall da, wo technische
Durcharbeitung erforderlich ist, zurückweicht und der Herstellung bewegungsloser und
farbig bespritzter Blechattrappen allzuviel Raum gibt. Auf die Fülle dieser mehr puppen-
haften und kulissenartigen Ausstattungsstücke und ihrer Fehler im Vergleich zu den
Vorbildern der Wirklichkeit näher einzugehen, würde im Rahmen dieser Abhandlung
zu weit führen; es kann daher nur auf die vier hauptsächlichsten Anwendungen, wie
Brücke und Tunnel sowie Bahnhofs- und sonstige Eisenbahnhochbauten, eingegangen
werden.
Brücke und Tunnel und in Verbindung damit Dammaufschüttung und Einschnitt
sind die künstlichen Hilfsmittel zur Überwindung natürlicher Gebirgsunebenheiten von
Schlucht und Felsen, Flußlauf und Bergkette, und werden notgedrungen nur dort
angewandt, wo sich die Faltungen der Erdoberfläche nicht auf anderem Wege umgehen
lassen. Da aber auf dem glatten Tisch- oder Zimmerboden ähnliche Schwierigkeiten in
der Linienführung von Miniatureisenbahnen nicht auftreten, soll man sich derartige
Hindernisse nicht erst künstlich in den Weg stellen, nur in der Absicht, nun Brücke
oder Tunnel anwenden zu können. Versuche dieser Art werden daher immer verfehlt
bleiben und nur ein unvollkommenes, durch die Anwendung der im Handel befindlichen
Hilfsmittel wenig naturgetreues Bild ergeben. Für die Brücken fehlt das die Bahnlinie
durchkreuzende Tal oder Flußbett, für die Tunnels die Natürlichkeit des sich allmählich
erhebenden Gebirgsmassivs, in beiden Fällen also der vermittelnde An- und Abstieg der
Zufahrtswege infolge Raumbeschränkung und Fehlens der geraden Strecke in den vor-
her beschriebenen, krümmungsreichen Gleisformationen.
Diese Rampenverkürzung bei Brücken hat nun in Verbindung mit der verhältnis-
mäßig geringen Steigungsmöglichkeit der Bahnlinie eine fast verschwindende Durch-
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