Strauss, Walter
Die Darstellung des modernen Eisenbahnwesens, insbesondere der Lokomotive, als Lehrmittel für Hochschule, Schule und Volksaufklärung — Darmstadt, 1922

Page: 89
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Vierzehntes Kapitel.
Aufklärung durch Selbstanfertigung von Modellen.
„Das Spielzeug ist im Leben des Kindes das, was
in dem Leben der Erwachsenen das Kunstwerk ist, aber
während wir die Darbietungen der Kunst nur im An-
hören und Anschauen genießen, will das Kind seine
Spielzeugkunstwelt außerdem auch mit den Händen
fassen können, es will seine Kunst wirklich greifbar
genießen. Es will vor allen Dingen selbst schaffend
und mitwirkend, Künstler und Zuschauer in einer

Person sein.“

Paul Hildebrand,

Das Spielzeug im Leben des Kindes.
er gesunde Trieb des Knaben nach Selbstbetätigung, der
gar zu oft in dem gewaltsamen Auseinandernehmen des
Spielzeuges sich offenbart und leider immer wieder irriger-
weise von den Eltern und Erziehern mit Schrecken als
Zerstörungswut aufgefaßt wird, kennzeichnet gerade die
Unzulänglichkeit des Lehrmittels, welches sich eben nicht
zerlegen läßt, weil alle Teile fest untereinander verbunden oder gar nur als Attrappe auf-
gemalt sind. Ein Spielzeug aber, das keine Betätigung des Kindes zuläßt, ist päda-
gogisch verfehlt und hat naturgemäß die so verkannte Selbsthilfe zur Folge.
Wie erzieherisch dagegen das auch noch so einfache Dampfmaschinchen unter den
Kleinen durch seine Bewegung und die zu ihrer Entstehung nötige Betätigung wirkt, hat
Dipl.-Ing. N. Stern in einer Betrachtung über „Spielzeug und Technik“ so lebenswahr
einer „Dampfmaschinenpremiere in der Kinderstube“ abgelauscht und die jede Bewegung
mit Spannung verfolgende Aufmerksamkeit in den Worten festgehalten:

„Was gießt du da in das Töpfchen ?“

„Spiritus.“

„Wozu?“

„Um ihn

anzuzünden und um damit dem Wasser heißzumachen, daß es uns dampfend und

pustend davonläuft.“

„Und wo kommt das Wasser hin?“

„Da hinein in

den Kessel, seht ihr? Jetzt stecke ich die Flamme an.“

Es wird ganz still in

Zimmer, atemlose Spannung, sie warten auf etwas Neues und Unbekanntes, auf
etwas Wunderbares und rühren sich nicht vom Fleck. Und dann kommt es, und
sie sehen es jubelnd und mit verwunderten, großen Augen. Es kommt Bewegung in
die Dinge, die sich noch nie bewegt hatten, sie kommt von selbst, ohne daß man
sieht, woher sie kommt. Nur aus Feuer und Wasser ist diese Bewegung gemacht
worden. Man muß die Kinder zurückhalten, daß sie in ihrem Eifer nicht den heißen
Kessel anfassen, nur vorsichtig dürfen sie mit einem Fingerchen der Reihe nach an
das Schwungrad rühren. Zaghaft und herzklopfend faßt der Älteste mit dem kleinen

Zeigefinger daran, und

anderen fragen neugierig: „Spürst du etwas?“

So kehrt auch hier ein Abglanz der Schöpferfreude wieder, die einst ein Murdock
und Trevithick empfanden, als sie ihren Dampfwägelchen den Hauch des Lebens ein-
bliesen, nur mit dem Unterschied, daß diese Modelle in eigener Verfertigung als Aus-
druck neuer Ideen zum Ausgangspunkt ihrer großen Erfindungen wurden. War es doch
auch des kleinen Stephenson liebstes Spiel, wenn er während seiner Musestunden als
Kuhhirt, in der Bewunderung Wattscher Dampfmaschinen versunken, sich kleine Modelle
aus Lehm und Schilfrohr anfertigen konnte.
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