Strauss, Walter
Die Darstellung des modernen Eisenbahnwesens, insbesondere der Lokomotive, als Lehrmittel für Hochschule, Schule und Volksaufklärung — Darmstadt, 1922

Page: 136
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Neunzehntes Kapitel.

Anregung durch die Poesie.

„Es steckt viel Menschliches in einem
Ingenieur, was die Welt außer unseren
Kreisen erst noch zu lernen hat.“
Max Eytli.
C n der Dreiheit des Wahren, Guten und Schönen,
des Urquells alles Höheren im Menschenleben als
Prüfstein gemessen, hat das Gebiet der Technik
leider heute noch immer in der dritten Instanz
des Schönen vor den Augen der Allgemein-
heit keine Anerkennung gefunden. Daß aber
diese Ansicht rückwirkend ein Zeugnis gänz-
licher Blindheit und Rückständigkeit unserer „gebildeten Welt“ darstellt, für die, soweit
sie sich überhaupt um die Wissenschaft des Ingenieurs zu kümmern pflegt, Technik
und Poesie zwei sich widerstrebende Begriffe sind, hat kein geringerer als unser Dichter-
ingenieur Max Eyth in seinem auf der Hauptversammlung des Vereins Deutscher
Ingenieure in Frankfurt a. Main 1904 gehaltenen Vortrag über „Poesie und Technik“
offenbaren wollen.
So ungeheuerlich erschien schon der Titel des Vortrags, welcher da der zierlichen,
leichtgeschürzten Muse die arbeitsschwere Hand der materialistischen Technik zum


innigen Bunde reichen läßt, daß der Redner sich gleichsam erst

entschuldigen zu

müssen glaubte. Er aber, der wegen der verschmähten humanistischen Bildung nach dem
Urteile seiner Zeit „nichts Rechtes gelernt hatte“, beweist nun, gegen die Engherzigkeit
und Schwerfälligkeit der „blinden Welt der Wissenden“ Sturm laufend, in seinen Werken
den Einheitsbegriff von Arbeit und Kunst, von Technik und Poesie. Von Technik, die
„dem menschlichen Wollen eine körperliche Form gibt“, und Poesie, die „uns den geistigen
Inhalt dieser uns umgebenden Körperwelt offenbart“. Persönlich an dem „sausenden
Webstuhl der Zeit“ mitarbeitend, hat Eyth überall im entstehenden wie auch im vollendeten
Werk der Technik, in Stoff, Form und Bewegung die Schönheit gesehen. Denn „die
Technik ist Kulturboden“, sagt Franz Mannheimer in seinem Aufsatz über „Technische
Schönheit“; „breit wie ein Acker, voll dunkler Schönheit, wartet sie bereitwillig auf die
Hände, die aus ihr Frucht zu ziehen imstande sind.“
Max Eyth aber, der große Kulturpflüger unserer Zeit, hat auch hier den Boden
vorbereitet und denen, die unachtsam über seine rauhe Außenhülle geschritten, den Duft
seiner geöffneten Ackerscholle offenbart, aus der ein neues Pflänzlein gesunder Poesie
sich kräftig entwickeln konnte. Und mit jeder neu umgepflügten Scholle sieht er ein
neues Schönheitsbild der Technik, alle die Eindrücke, die Artur Fürst in seiner Samm-
lung „das Reich der Kraft“ durch den Pinsel des Malers auch dem äußeren Auge sicht-
bar machen will. Das verbindende Element aber, das von einer „Schmiede des Vulkans“
in eine andere „Hexenküche“ führt, ist das Verkehrswesen, dessen pulsierendes Herz,
die Lokomotive, hier in ihrer ganzen Schönheit dem Laien empfindbar nähertritt.
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