Strauss, Walter
Die Darstellung des modernen Eisenbahnwesens, insbesondere der Lokomotive, als Lehrmittel für Hochschule, Schule und Volksaufklärung — Darmstadt, 1922

Page: 146
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Zwanzigstes Kapitel.
Anregung durch Denkmalspflege.

,,Exegi monumentum aere perennius.“
o alt auch dieser Ausspruch von Horaz ist,
,,Ein Denkmal habe ich mir gesetzt,
Dauernder als Erz“,
so läßt sich für ihn in unserem modernen Zeitalter wohl
kaum eine bessere Anwendung finden als auf die ,,Welt
auf Schienen“ und ihren genialen Schöpfer Stephenson.
Die Auffassung des gesamten Verkehrswesens als des be-
deutendsten Kulturdenkmales der Gegenwart ist wohl die höchste Anerkennung, die wir


diesem Manne zollen können.

Werk

sierenden Ader des menschlichen Daseins begegnen, es als eine alltägliche Erscheinung
vor Augen haben, geht das Bewußtsein von seiner Größe und Bedeutung, als eine ge-
wohnte Erscheinung sich stetig verflachend, für die große Masse verloren. Nur in
Augenblicken, wo durch Eingreifen höherer Kräfte ein zeitweiliges Aussetzen dieser
Einrichtungen eintritt, taucht hier und dort die Erkenntnis auf, die Artur Fürst in
den Worten zusammenfaßt:
,,Man nehme aus unserer Welt die Welt auf Schienen, und sie wandelt sich
aus sorgsam angebautem Land in eine unbetretbare Wildnis zurück.“
Sobald jedoch die Störung vorüber, geht mit der Erinnerung an diese auch jener kurze
Lichtblick der Einsicht in dem Grau des Alltags unter.
Großen Männern und großen Ereignissen hat man gewaltige Denkmäler gesetzt.
Stephenson und seine ,,Rocket“ jedoch haben im deutschen Volke noch keine gebührende
Stätte der Erinnerung gefunden, denn die beiden wenigen Ausnahmen im Anhalter Bahn-
hof zu Berlin und im Zentralbahnhof zu München besitzen wegen ihrer ungünstigen, dem
Verkehrsstrom des täglichen Lebens entrückten Aufstellung nur ein geringes anregendes
und belehrendes Moment. Halbverborgen in einer Nische des Anhalter Bahnhofs, selten
und nur an ganz hellen Sommertagen durch einen erwärmenden Sonnenstrahl in dem
ewigen Halbdunkel des Seiten-Vestibüls beleuchtet, steht das Standbild des großen
Meisters, der mit der Linken das Modell seiner auf einem Piedestal befindlichen ,,Rocket“

umfaßt.
Seine ,,Rocket“ — welch' eine Fülle von Bildern vermag dieses Wort in den Augen
des Beschauers zu erwecken und durch den Mund des Lehrers den aufhorchenden Schülern
zu schildern. Da liegt das hüglige Rainhill in den Oktobertagen des Jahres 1829, das es
so berühmt gemacht. Und nun treten sie an, die hoffnungsvollen Konkurrentinnen, die
„Novelty (Neuheit), Rocket (Rakete), Sanspareil (Unvergleichliche), Perseverance (Aus-
dauer) und der Cyclopede (Zyklopenfuß)“, schon vorher durch die ihre ungeahnten Eigen-
schaften laut preisenden Namen die Nebenbuhlerin ausstechend, bestaunt und belacht,
bewundert und verspottet, gelobt und getadelt von der gewaltigen Zuschauermenge, die
da in der Erwartung eines ganz ungewöhnlichen Schauspiels sich wie zu dem St. Leger-
Pferderennen in kritischem Urteil eingefunden hat. Und nun, nach Ausscheiden des
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