Strauss, Walter
Von eisernen Pferden und Pfaden: Lebensbilder aus dem Reiche der Lokomotive — Hannover, 1924

Seite: [12]
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GELEITWORT.
,,Einst schlugen sie Eisen
den Pferden auf den Huf,
Nun schufen sie ganze Pferde,
flinker als Gott sie schuf!“
Ein volles Jahrhundert verkehrstechnischer Entwicklung umfassen diese wenigen Zeilen des
dahingegangenen großen Dichter-Ingenieurs Max Eytli, die gerade heute, wo wir in den
Zeitraum der Gedenkfeiern an die ersten Lokomotiven und somit Eisenbahneröffnungen
der verschiedensten Länder einzutreten beginnen, in ihrer Kürze so treffend kennzeichnen, was
innerhalb dieser verhältnismäßig kurzen Zeitspanne die Menschheit auf der sich gleichgebliebenen
Spurweite zu leisten imstande war.
Schon beginnen verschiedentlich in Zeitschriften Notizen und kurze Mitteilungen auf-
zutauchen, daß hier noch eins der ersten eisernen Pferde unserer Großväter in einem Kohlen-
bergwerk unermüdlich Dienste tut, dort ein anderes, wenn auch gichtbrüchig und mit steifen
Beinen bei abgelegtem Triebwerk im Stall sein Gnadenbrot frißt, um dafür dankerfüllt mit dem
Dampfodem seines noch immer feurigen Herzens als stationäre Heizanlage die Räume der
Menschen zu erwärmen. Oder auch kommt über das große Wasser die Nachricht, daß irgendwo
ein ehrwürdiges Original, aus der beschaulichen Ruhe seines Museumsdaseins aufgestört, noch
einmal den eisernen Pfad betritt, neben einer ihrer modernen Urenkelinnen aus dem Mallet-
Riesengeschlechte die Entwicklung ihrer Rasse so recht anschaulich der Nachwelt zum
Bewußtsein bringend.
Wohl manch’ einer lacht dann beim Anblick dieses grotesken, lebendigen Gegensatzes hell
auf, um dann vielleicht nachdenklich zu verstummen. Noch keine hundert Jahre — und welch’
eine Entwicklung! Und mancher, der bei der Ankunft auf dem Bahnhof bisher achtlos an dem
majestätischen Wunderwerk moderner Technik, das ihn, pünktlich bis auf die Minute, mit so
großer Sicherheit mühelos an das gewünschte Ziel brachte, vorbeihastete, bleibt dann wohl
andächtig stehen, läßt die Mitreisenden sich ungeduldig an der Sperre drängen und schaut und
staunt nur immer wieder das Wundertier an.
Und daß es ein Wundertier ist, das werden wir ohne weiteres im Au ge nblick selbst
empfinden, wenn wir die Worte von Edgar Allan Poe vernehmen, die er seinem modernen
Sinbad, dem Seefahrer des letzten Jahrhunderts, in den Mund legt:
,»Mitten unter den Zauberern, denen ich auf meiner letzten Reise begegnete, lebten Tiere
ganz besonderer Art; ich sah zum Beispiel ein riesiges Pferd, dessen Knochen Eisen und dessen
Blut kochendes Wasser war. Statt Hafer fraß es schwarze Steine, und trotz dieser schlechten
Nahrung war es so stark und geschwind, daß es eine Last, schwerer als der größte Tempel dieser
Stadt, mit einer Eile fortschleppte, welche die des Vogelflugs noch übertraf.“
Schließt doch auch der Berichterstatter des Stuttgarter Morgenblattes seine Beobachtung über
die Eröffnung der ersten deutschen Eisenbahnlinie Nürnberg—Fürth am 7. Dezember 1835 mit
den Worten:
,,Für Hunderte und Tausende bleibt das Ganze ein Wunder, an das sie glauben, weil sie
es sahen; und kein exoterischer Skeptiker wird imstande sein, ihnen diesen neuen Glauben an
den menschlichen Geist und seine Macht zu erschüttern, um so weniger, da er ein freudiger,
ein erhebender ist.“
XIII


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