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Strauss, Walter
Von eisernen Pferden und Pfaden: Lebensbilder aus dem Reiche der Lokomotive — Hannover, 1924

Seite: [13]
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GELEI TWOR T.

Auch wir wollen diesen Glauben an das Wunder nicht verlieren:
,,Nur ein paar weiße Hauchwölkchen erinnern daran, daß soeben ein Wunder an mir
vorbeiglitt. Ein Wunder, das von den meisten Menschen wohl nicht mehr als ein solches be-
trachtet wird. Daß der Mensch es vermag, eine so vollkommene Maschine zu bauen und mit
ihrer Hilfe eine wilde Naturmacht wie die Spannkraft des Dampfes zum gehorsamen Diener
seines Willens zu machen, ist und bleibt für immer ein Wunder“,
so plaudert mit Recht Arno König in der so beliebten Jubiläumsschrift der Hanomag ,,Dic
Lokomotive in Kunst, Witz und Karikatur“. Das alltägliche Wort ,,Lokomotive“ und „Eisen-
bahn“ haben uns nicht zum Bewußtsein bringen können, was die Sprache des Märchens, aus der
ja die schönste Zeit unserer Jugend entsprang, vermag. Lind was darin eben noch ein Wunsch,
ein Sehnen war, dieses von dem modernen Sinbad geschilderte Wundertier zu schauen, ist nun
zur Wahrheit geworden: im Fluge die Jahrhunderte durcheilend, sind wir selbst dazu aus-
erwählt, das märchenhafte Roß zu sehen
,,Ja, es steckt wohl Zauber und Poesie in der Lokomotive, wenn man sie nicht nur vom
technischen Standpunkt aus betrachtet“,
diese Worte Arno Königs stellen daher das Ziel und den Zweck des vorliegenden Ruches dar.
Und w i e wollen wir schauen! Mit Freude und Genuß. Wie die Waldfee, die auf weißem
Roß durch das Weben und Raunen der Märchenwelt zieht, sei es unter den klingenden Schnee-
kristallen des Winters oder dem sonnenstrahldurchzitterten Blätterdom des Sommers, dem
sprudelnden Quell entgegen hinauf zur Höhe, einen weiten Rundblick in die Lande zu tun,
über denen sich goldumränderte Wolkenberge zu gigantischen Zukunftsgebilden verlockend
auftürmen. So wollen auch wir ins Reich der Lokomotive eingehen, durch die Nacht der Berges-
riesen zur Sonne der Talebenen, über tosende Bäche und gemächlich dahinfließende Ströme,
immer den flimmernden Schienenstrang entlang vom Gletschermeer zum Wellenmeer, von der
Zahnradbahn zum Trajekt.
Und wa s wollen wir alles schauen! Kann doch das Inhaltsverzeichnis nur einen kleinen
Bruchteil all’ der seltsamen Lebewesen der neuen Saurierzeit anführen, die uns der eiserne Pfad
auf seinem die ganze Weltkugel umstrickenden Netz entgegensendet: Urahnen und Enkelinnen,
Zwerge und Riesen, Zweifüßler und Vielfüßler bis herab zur führerlosen, zur denkenden Loko-
motive. Und wo nicht dieses weitverzweigte Geschlecht selbst oder seine nicht minder wunder-
same Gefolgschaft an Personen-, Güter- und Spezialwagen unseren Weg kreuzt, da ist es der
eiserne Pfad, der in seinen mannigfachen Gestaltungsformen immer neue Rätsel aufgibt vom
Bahnhof über dem Bahnhof und der Brücke in der Brücke, vom Tunnel auf der Brücke
und der Brücke im Tunnel, oder dem schwimmenden Zug und dem fahrenden Schiff, wie
denn gerade das Aufeinandertreffen von Eisenbahn- und Elußverkehr oft gar seltsame Bau-
werke bedingte. Groß ist darum die Zahl der Wunder, die in dem engbegrenzten Rahmen
eines einzigen Lokomotiv-Tageslaufes uns entgegen treten, von der laufenden Lokomotive,
die nicht von der Stelle kommt, bis herab zum ruhenden Prellbock, der davonläuft: alle diese
Rätsel in ihren wechselseitigen Beziehungen zusammenstellen will der Text; sie zu lösen, das
soll Aufgabe der Bilder sein.
Nur wenig reden wollen wir deshalb auf unserer Fahrt, um nicht das Märchen der Gegen-
wart zu zerstören. Nein, nur freuen wollen wir uns und genießen im Schauen und Wandern
und auch stehen bleiben, wo es uns behebt, sei es, daß ein bemerkenswertes Bauwerk zum Ver-
weilen lockt, sei es, daß ein historischer Rückblick vom Wege ablenkt. Statt dessen möge gar
mancher Freund des „edlen Dampfrosses“ seiner Begeisterung freien Lauf lassen, doch auch
gar mancher Feind des „elenden Dampfkleppers“ sein hochgelahrtes Urteil oder bissiges Spott-
verslein zum besten geben, um desto köstlicher die Größe und Bedeutung des rollenden Flügel-
rades zu kennzeichnen, wie sie in unseren modernen Dichtungen oft tief empfunden wird, doch

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