Strauss, Walter
Von eisernen Pferden und Pfaden: Lebensbilder aus dem Reiche der Lokomotive — Hannover, 1924

Page: [16]
Citation link: 
http://tudigit.ulb.tu-darmstadt.de/show/47-A-826/0016
License: Creative Commons - No rights reserved (CC0)
0.5
1 cm
facsimile
Zurückbleiben!“ Wie oft kann man diesen unwillkürlich jede Bewegung der Glieder
lähmenden Ruf über die Gleise schallen hören, wenn noch ein daherkeuchender
Reisender, ungeachtet der ihm drohenden Gefahr, auf den bereits in Bewegung befind-
lichen Zug aufspringen will. ,,Zurückbleiben!“ Wie vom Donner gerührt steht dann der also
Festgenagelte schnaufend inmitten seines in Unordnung geratenen Gepäcks auf dem ver-
lassenen Bahnsteig und blickt, halb mit unterdrücktem Zorn, halb wehmütig dem enteilenden
Zugende nach, von dem, sich leise im Fahrtwinde hin und her wiegend, die rote Schluß-
scheibe gleichsam einen spöttischen Abschiedsgruß zurückwinkt.
,, Ja, früher, da warteten noch die Leute auf die Eisenbahn, heute aber muß die Eisenbahn
auf die Passagiere warten!“ wird dann vielleicht der Typus des redseligen Fahrgastes zu seinen
Mitreisenden äußern, froh, auf diese Weise so bequem die Unterhaltung eröffnen zu können.
Und mancher wird dann mit den Worten Doktor Herzfelds, der Hauptperson in Georg Hermanns
Roman ,,Schnee“, pfiffig einwerfen:
„Zu jedem Zug kommt Einer zu spät. Der einzige Witz ist es nun, darauf zu achten,
daß es stets ein anderer und nie man selbst ist!“

Und die übrigen werden beifällig lachend ihre Zustimmung geben und ahnen doch kaum, daß
es bei unseren Großvätern — auch nicht anders war. Sie würden gewiß erstaunt sein, wenn
ihnen im Augenblick Bild 2, eine aquarellierte Kohlezeichnung von Josef Danilowatz, Wien,
zu Gesicht käme, der so humorvoll von den Kindheitstagen der Eisenbahn plaudert, da das
eiserne Roß noch ein leibhaftiges Roß aus Fleisch und Blut war und mit einer „einzigen Pferde-
kraft“ den „Expreßzug“ in Form einer auf Schienen laufenden Postkutsche fortbewegte.
Und da es damals noch keine wasserfreien, erhöhten Bahnsteige mit luftig sich wölbenden
Glasdächern gab, so war ein Zuspätkommen doppelt unangenehm, zumal an einem solchen
Tage wie dem im Bild festgehaltenen, wo der Himmel alle Schleusen geöffnet hat. Denn wenn
auch die biederen Dorfbewohner im Sonntagsstaat, bei deren eiligen Schritten kleine Wasser-
kaskaden an den Fußspitzen emporhüpfen, vor uns den Vorteil haben, noch einmal durch
Anruf den Zug zum Halten zu bewegen, ein „feuchtes“ Plätzchen auf dem Oberdeck ist ihnen
als Strafe für ihre Säumigkeit gewiß. 0 gute, alte Zeit!
Da wollen wir lieber den würdigen Herrn Bürokraten, an dem der Wiener Künstler die
gefesselten Gewalten von 10 000 Pferdestärken majestätisch vorbeidonnern läßt (Bild 3), ruhig
hinter seinen Kofferbergen bis zur Ankunft des nächsten Zuges wettern lassen, denn „was
nutzt es auch“, meint der Schöpfer des Bildes, „seine Verspätung kann man sich leicht er-
klären — auch 10 000 gewöhnliche Pferdekräfte richten gegen die Macht eines einzigen Amts-
schimmels nichts aus!“
10 000 schnaubende, dampfende, lebendige Pferde -— und doch, in rhythmischem Takt
und nach bestimmten, die Natur überlistenden Gesetzen gleichmäßig arbeitend wie ein einziges,
eisernes Pferd — so jagen wir nun dahin, unabhängig von den Unbilden der Witterung, durch
Sonnenschein und Regensprühn, durch Sturm und Schnee und die sich gleichsam gegen diese
Verwegenheit auflehnenden Elemente der Natur. „Zwei Gewitter“ könnte man daher mit
Recht zu dem Ölbild „Expreßzug im Gewitter“ (Bild 7) sagen: das eine Gewitter frei und
ungebunden in der Natur, in gleicher Weise bereit, zu schaden und zu nützen, das andere,

1

1
loading ...

DWork by UB Heidelberg
Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt   |    Imprint   |    Datenschutzerklärung   |    OAI   |    RSS   |    Twitter   |    seo-list