Strauss, Walter
Von eisernen Pferden und Pfaden: Lebensbilder aus dem Reiche der Lokomotive — Hannover, 1924

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DAS EISERNE PFERD, WIE ES DER KÜNSTLER SIEHT.

Ein Hasten ist 's mit Zischen, Fauchen
In dieser neuen Welt von Dampf,
Ein jauchzend, brausend Untertauchen
Inmitten Feuerroßgestampf.

Ein Kommen, Gehen, Ruhen, Warten
Vor roten Lichtern glüh’nden Mohns,
Fürwahr, es ist ein Wundergarten,
Das Erbe Georg Stephensons.

Dem großen Meister Ruhm und Ehr’,
Der einst das Samenkorn gesteckt,
Nicht weniger dem Ingenieur,
Der cs zu solcher Frucht erweckt!“
Aus des Verfassers
,,Lebenslieder der Lokomotive“,
,, Einfahrt“.
So fahren wir selbst in das allseitig bekannte Meisterwerk Baluscheks, den ,,Bahnhof“,
hinein (Bild 10), das mit Recht den Ruf des Künstlers begründet hat. War doch hierdurch
der anfängliche und vielfach noch heute vorherrschende Widerstand gegen die genaue Wieder-
gabe technischer Richtigkeit aufgehoben und der Beweis ihrer so oft angezweifelten künstlerischen
Darstellungsmöglichkeit erbracht. Wie bei Danilowatz ist auch hier die Lokomotive und ihr
Reich der Kernpunkt des Bildes, während die übrigen zeitgenössischen Maler das Eisenbahn-
wesen nur gelegentlich und dann nur als Nebensache, oft nur in der Andeutung seiner Rauch-
fahne in den Hintergrund eines Landschaftsbildes als belebendes Moment hineinpackten. In
solchen Fällen würde ein Fuhrwerk auf der Landstraße, ohne die übrige Bildwirkung zu beein-
trächtigen, denselben Eindruck hervorgerufen haben. Damit aber war dem Eisenbahnwesen
nicht ein Bruchteil des Interesses erwiesen, mit dem sich die Malerei vordem jeder neu auf-
tretenden Erscheinungsform des täglichen Lebens mindestens einmal zugewandt hatte. Wo
aber dennoch vereinzelt der Versuch unternommen wurde, die Lokomotive als Hauptsache in den
Vordergrund zu stellen, da mußten Dampf und Rauch in ergiebiger Menge herhalten, um das, was
der Künstler nicht sah, d. h. denkend zu sehen, sich nicht die Mühe gab, wohltätig zu verbergen.
Mit Erfolg hat Baluschek gegen diese Vorurteile Sturm gelaufen, Dampf und Rauch sich
verziehen lassen und gezeigt, was in Wirklichkeit alles dahinter zu sehen ist. So sagte einmal
der Künstler zu mir:
,,Es täte mir weh und ich wäre innerlich sehr betrübt, wenn ein Fachmann käme und
mich darauf aufmerksam machte, ich hätte dies oder jenes technisch falsch dargestellt. Und
wenn es sich bloß um einen einfachen Schienenräumer handelt, so prüfe und überlege ich und
lasse nicht eher Ruhe, als bis ich ihn in technisch richtiger Form, d. h. seinem Zweck entsprechend,
natürlich zugleich auch perspektivisch richtig und nach den Gesetzen der Kunst auf die Leine-
wand gebracht habe.“
Die Kolonnenbrücke verlassend — das Bl-Sch. an der Giebelwand des Stellwerkhäuschens
verrät Dir ihre Lage in Berlin-Schöneberg — und uns losreißend von dem überwältigenden
Eindruck der im nahen Anhalter Bahnhof einmündenden Gleisstränge, gelangen wir in wenigen
Minuten in das Atelier des Künstlers selbst. Wohlige Wärme des zum Neide der ,,unzeitgemäßen“
Dampfheizung vergnügt brummelnden Ofens schlägt uns entgegen und erfüllt den weihevollen
Raum mit einem Hauch der Gemütlichkeit, während des Malers jüngstes Töchterchen uns mit
fröhlichem Geplauder die Zeit bis zu ihres ,,Vatis“ Eintritt vertreibt. Und stolz auf ihre und
ihrer älteren Schwester Regina Photographie hinweisend, fragt sie zutraulich, ob ich auch so
eine kleine Renate habe und will es gar nicht fassen, daß ich noch nicht einmal eine ,,Mutti“
dafür besitze. Dann aber, nach kurzem Überlegen, meint sie, gleichsam, um mir selbst eine
befriedigende Lösung aus diesem anscheinenden Mangel meines Daseins in den Mund zu legen:
,,Aber eine Köchin hast Du doch bestimmt!“ Wehe, wenn ich auch diese Lücke meiner Bildung
eingestehen müßte — da hilft der Meister mit herzhaftem Lachen aus der Verlegenheit und
entführt uns rettend in das Reich der Lokomotive.

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