Strauss, Walter
Von eisernen Pferden und Pfaden: Lebensbilder aus dem Reiche der Lokomotive — Hannover, 1924

Seite: [24]
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DAS EISERNE PFERD, WIE ES DER KÜNSTLER SIEHT.

Und nun wollen wir uns ganz dem Zauber seines künstlerischen Wirkens hingeben. Hier
vor den betriebsfähigen Lokomotivmodellen, die dem Meister als Unterlagen bei seinen ernst-
haften Studien, vor allem bei der korrigierenden Verkürzung der Maschinenperspektive dienten,
einige Kunstblätter seiner früheren Schöpfungen, so von dem bekannten Ölbild ,,Anfahrender
Schnellzug“ (Bild 11), dessen machtvoll daherbrausende Kraft im Gegensatz zu der lastenden
Mittagsstille der Natur unwillkürlich an Helene Voigt-Diederichs „Mittagspuk“ erinnert:

„Gewunden läuft der Pfad. Rings Julischimmer
Auf heißem Mohn und Haferähren liegt.
Ein Meer von weißlich zuckendem Geflimmer
Wallt um den Falter, der als müder Schwimmer
Sich leicht auf roten Distelköpfen wiegt.
Des Wärterhäuschens Dach den Glanz gefangen
In seine schrägen Schieferplatten zwingt.
An schwarz geteerten Telegraphenstangen
Flieh’n eilig hin der Drähte Kupfer schlangen,
Bis blauer Eichenschatten sie verschlingt.
Die Stille blitzt verträumt. Da hohles Grollen,
Und schreckverworren hebt ein Mövenhauf
Sich von des Brachfelds glutversenkten Schollen.
Das Murren schwillt zu lautem Donnerrollen —
Schon jagt es her in wildem Siegeslauf —
Die Schienen klirren — schnaubend Vorwärtswüten —
Ein Rattern und Rasseln — und — vorbei —
Noch zittern bang am Hohlwegrand die Blüten,
Ein weißes Wölkchen steht im Sonnenbrüten,
Und aus der Ferne gellt ein Todesschrei —
Helene Voigt-Diederichs,
„Mittagspuk“.

Dort, aus dem Zyklus „Wege der Maschine“, die der Großstadt abgelauschten Lebens-
bilder „Drei Niveaus“ (Bild 12) und „Industriebahnen“ (Bild 13), zu den neueren Schöpfungen
des Meisters von gleichem Motiv hinüberleitend. Die Welt der Arbeit ist es, die der Lokomotive
eine ganz neuartige, doch nicht weniger reizvolle Betonung des Kraftvollen verleiht und sie
gleichzeitig in enge Beziehung zu ihren Urbestandteilen von Kohle und Eisen bringt, denn

„Dampf wallt empor und Qualm, in schwarzen Schleiern
Hängt tief und steif die Wolke drüber hin,
Die bleiche Luft drückt schwer und liegt wie bleiern —
Ein Feuerherd darunter, — ein Vulkan,
Von Millionen Feuerbränden lodernd, —
Ein Paradies, ein süßes Kanaan, —
Ein Höllenreich und Schatten bleich, vermodernd.

Hindonnernd rollt der Zug! Es saust die Luft,
Ein andrer rast dumpfrasselnd rasch vorüber,
Fabriken rauchgeschwärzt, im Wasserduft
Glänzt Flamm’ um Flamme, düster, trüb’ und trüber ..“
J u 1 i u s Hart,
„Auf der Fahrt nach Berlin“.
Die farbige Ölkreidezeichnung „Im Kohlengebiet“ (Bild 14) ist daher nicht dem edlen
Rennpferd gewidmet, wie es der Reisende gelegentlich einmal vom Bahnsteig aus während
eines kurzen Aufenthaltes erblickt, sondern dem rußigen Aschenbrödel, wie es sich nur dem

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