Strauss, Walter
Von eisernen Pferden und Pfaden: Lebensbilder aus dem Reiche der Lokomotive — Hannover, 1924

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DAS EISERNE PFERD, WIE ES DER KÜNSTLER SIEHT.

Eisenbahner selbst offenbart in seiner ganzen Schönheit als williges Arbeitstier: treu und uner-
müdlich, fernab den lebendurchfluteten Bahnhofshallen, zwischen schweigenden Schlacken-
halden, in Regen und Schnee, Tag und Nacht seinen schweren Dienst verrichtend. Gleichsam
eine sichtbare Verkörperung des arbeitsamen Volkes, das tief unter wirbelnden Schachträdern
und dem Sternenregen der Hochöfen aus dem Erdenschoß dem eisernen Pferd Kraft und Nahrung
für sein Wirken und Werden zuführt. Kein feinstimmiger Elfengesang ist es daher, der diese
Titanenarbeit begleitet, sondern schweißtriefende Zyklopen läßt Gerhart Hauptmann zur
Melodie der stöhnenden Achsen seines ,,Nachtzuges“ ihren Zeitgesang anstimmen,
,,I)as Lied so finster und doch so schön,
Das Lied von unserm Jahrhundert.
Und der Wagen rasselt und rüttelt und rückt,
Und tief aus dem Chaos der Töne,
Da quillt es, da drängt es, da perlt es empor
Wie Hymnengesänge bezaubernd mein Ohr
In erdenverklärender Schöne.
Und leise auf schwillt es und behend verhallt’s
In schmetterndem Eisengeklirre.
Und wieder erwacht cs, und himmelauf wallt’s
Hervor aus dem Tönegewirre.
Und immer von neuem versinkt es und steigt’s
Und endlich verweht’s im Tumulte und schweigt’s
Und läßt mir ein heißes Begehren,
Das sinnberückende Zaubergetön
Von himmlischen Lenzen auf irdischen Höh’n
Zu Ende, zu Ende zu hören.“
Gerhart H a u p t mann,
,,Nachtzug“.

In das Herz dieser Welt der ,,Industrie“ (Bild 15), wo unter brodelndem Wolkenhimmel
der Zwerg Mensch dem Knochenerz der Mutter Erde das flüssige Eisenmark entsiedet, führt
erst die unscheinbare und nur gar zu oft mitleidig übersehene Werklokomotive, mit ihrem einen
Zyklopenauge prüfend die Wagenkette feuriger Schlackenkücken überzählend, während das
Gegenstück ,,Schnellzüge“ (Bild 16) uns aufatmend dem Reich ihres ,,großen Bruders“

wiedergibt.
,,Wie schön hist Du!
Wie hist Du stolz!
Wie schön hist Du! Wie ein Dämon,
Ein wachsend, stürmend Ungeheuer!
Der Schienen blanke Silberzeilen
Aus Deiner Augen Zauberfeuer
Gleich Zornesblitzen voraus eilen.
Wie schön bist Du!
Wie hist Du stolz!
Wie schön hist Du! Wie wenn der Pfau
Entfaltet seiner Federn Farben,
Aus Deiner Esse kurzem Schlot
Entwallt der Dampf in Flammengarben,
Von hellem Feuerschein durchloht.

Wie schön bist Du!
Wie hist Du stolz!
Wie schön bist Du! Auch wenn Du gehst.
Wenn zwischen roten Schlußlaternen
Wie einer Schleppe Spitzensaum
Zerflatternd grüßt verschneite Fernen
Ein weicher, warmer Dampfesflaum.
Wie schön hist Du!
Wie bist Du stolz!
Wie schön bist Du! Du eisern Pferd!
Ich liebe Dich! Mit Dir Dein Reich!“
Aus des Verfassers
,,Lehenslieder der Lokomotive“,
„Wie schön bist Du“.

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