Strauss, Walter
Von eisernen Pferden und Pfaden: Lebensbilder aus dem Reiche der Lokomotive — Hannover, 1924

Page: [28]
Citation link: 
http://tudigit.ulb.tu-darmstadt.de/show/47-A-826/0028
License: Creative Commons - No rights reserved (CC0)
0.5
1 cm
facsimile
DAS EISERNE PFERD, WIE ES GEBOREN WIRD.

und Stäbe gestreckt. Aus den mechanischen Werkstätten klang das Gesumme Hunderter von
Maschinen, und so wurde Teil um Teil fertig und Glied um Glied gereiht bis zur Vollendung
des gesamten vor uns stehenden Werkes.“
Und wenn diese tiefempfundenen Worte an unser Ohr klingen, dann stehen wir bereits
selbst in der festlich geschmückten Montagehalle (Bild 26), wo unter dem Beisein einer viel-
hundertköpügen Menge sowie zahlreicher Vertreter der Regierung und Industrie die feierliche
Übergabe des Festtagskindes stattfinden soll. Rings auf den noch in Bau befindlichen Schwester-
maschinen hat sich die Belegschaft der Geburtsstätte, unter der sich noch mancher Graukopf
befindet, der einst vor fünfzig Jahren der lOOOsten den Trauring um den Dom geputzt hat, zu
einem malerischen Bild werktägiger Arbeit gruppiert. In der Mitte aber harrt, wie eine liebliche
Braut im Festgewand, das neue Farbenkleid mit frischem Tannengrün und weißen Blumenzahlen
geschmückt, die lOOOOste in machtvoller Schönheit ihrer Weihe, nur durch ein leises Flimmern
der Luft über ihrem Schornsteindiadem die innere Erregung ihres Glutherzens verratend. Doch
wenn so unsere Blicke über die wogende Menge zu dem girlandenumwundenen Rednerpult
schweifen, von dem der Scheidenden gar manches warmherzige Wort mit auf den Weg gegeben
wird, dann taucht unwillkürlich die Erinnerung an jenes denkwürdige Bild vergangener Zeiten
in uns auf, wo noch der Geistliche imTalar die Namenstaufe der lOOsten der heutigen Sächsischen
Maschinenfabrik A.-G., Chemnitz, in Gegenwart ihres Gründers Richard Hartmann, seiner
Familie sowie der feiernden Arbeiterschaft vollzog (Bild 28), oder gar der Erzbischof von
München die Lokomotiven der Bayerischen Staatsbahn gleich Kommunikanten einsegnete
(Bild 30). Hat auch der Fortschritt und Ernst der Gegenwart so manche vielleicht hart
erscheinende Ernüchterung eintreten lassen, so konnte doch jeder persönlich den ergreifenden
Augenblick empfinden, als Betriebsdirektor Mittenzwei die Schlußworte sprach:
,,Nun zu dir, mein Festtagskind! Im schmucken Reisekleid stehst du vor uns, um dich so
deiner neuen Herrin vorzustellen. Diene ihr mit deiner ganzen Kraft, dann wirst du ihr Segen
bringen. Sei stets eingedenk deiner deutschen Herkunft, ganz gleich, ob du dich zeigst unten
an den Ufern der Donau, oben auf den Kämmendes Schipkapasses oder in den Felsenschluchten
der schäumenden Maritza. überall lege Zeugnis ab von deutscher Wissenschaft und deutschem
Fleiß, dann wird deine Arbeit auch uns und insonderheit der Hanomag zur Ehre gereichen.
Nun zeige, daß Leben in dir ist, spanne deine Muskeln und brauche deine Kraft!
Gottes Segen möge dich begleiten auf allen deinen Fahrten!“

Lhid als dann auf einen Wink der ITand der kraftvolle Stahlleib zu atmen, zu leben begann
und aus dem Dornröschenschlaf des Werdens in das brausende Erwachen des Wirkens überging,
als mit einem auf jubelnden Pfiff die Maschine wie eine Königin durch die sich öffnenden Hallen-
fliigel in das Weltreich des eisernen Pfades hinauseilte, da war es wohl vielen ein erhebendes
und zugleich schmerzliches Gefühl, als wenn man ein Lebewesen, das man großgezogen und lieb-
gewonnen, auf Nimmerwiedersehen von sich gehen lassen muß, ein freudig-weher Abschied
zwischen Mensch und Maschine. „Schäume, Maritza..“, so brausten durch den gläsernen
Hallendom die letzten Akkorde der bulgarischen Nationalhymne, in die von ferne zwei fröhliche
Abschiedspfiffe tröstend hineinklangen wie ein freudiges Gelöbnis

„Allen Gewalten zum Trotz sich erhalten,
Nimmer sich beugen, kräftig sich zeigen“
als ein Wahrzeichen deutscher Technik und deutschen Könnens (Bild 27).
Wir aber, die wir die stolze Maschine unseren Blicken entschwinden sahen, eilen ihr nach,
im Geiste ihrem neuen Wirkungskreis entgegen, den eisernen Pfad entlang, den schon so viele
ihrer älteren Schwestern vor ihr gegangen und mit Ehre gegangen sind. Gar manche Anerkennung
wurde diesen daher zuteil, sei es, daß sie mit ihrer machtvollen Körperfülle die Tragfähigkeit
neuer Brücken erproben mußten (Bild 31) oder überhaupt neue Pfade ihrer Lebensbahn
feierlichst eröffnen durften (Bild 32).

13
loading ...

DWork by UB Heidelberg
Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt   |    Imprint   |    Datenschutzerklärung   |    OAI   |    RSS   |    Twitter   |    seo-list