Strauss, Walter
Von eisernen Pferden und Pfaden: Lebensbilder aus dem Reiche der Lokomotive — Hannover, 1924

Seite: [29]
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DAS EISERNE PFERD, WIE ES SEIN GESCHLECHT KENNEN LERNT.

Darum wird auch, denke ich, unserem Jubiläumskind die Reise nicht einsam
werden, denn zahlreiche Verwandte und Bekannte ihres die ganze Welt beherrschenden
Riesengeschlechtes sind herbeigeeilt, dem jüngsten Enkelkind ein würdiges Ehrenspalier
zu bilden.

Zunächst ist es ihre engere Heimat Deutschland, deren verschiedene Staaten ihre stolzesten
Maschinen als Hauptvertreterinnen entsandt haben, an ihrer Spitze drei ehemalige Jubiläums-
kinder: die vor Erschaffung der 11 OOOsten Borsigs leistungsfähigste 1 D 1-Schnellzuglokomotive
Europas, die als Fabriknummer 4000 der Sächsischen Maschinenfabrik vorm. R. Hartmann A.-G.,
Chemnitz, am 9. März 1918 der Generaldirektion der Sächsischen Staatsbahnen feierlichst
übergeben wurde (Bild 33). Ihr zur Seite die durch ihre Ventilsteuerung, Bauart „Lentz“,
bemerkenswerte erste europäische 1 C 1-Lokomotive mit 1980 mm großen Triebrädern und
zugleich erste Heißdampflokomotive der Oldenburgischen Staatsbahn (Bild 34), als die 8000ste
der Hanomag im Jahre 1917 entworfen. Preußen aber hatte eine seiner stolzen 2 C-Heißdampf-
Drillings-Schnellzuglokomotiven der Gattung S 102 entsandt (Bild 36), die als erste Ausführung
dieser Bauart für die ehemaligen Preußisch-Hessischen Staatsbahnen von den Vulcan-Werken,
Stettin, entworfen, 1914 auf der Baltischen Ausstellung zu Malmö große Bewunderung erregte,
während eine ihrer Schwestern als 3000ste Lokomotive der Vulcan-Werke vollendet wurde
(Bild 35).
Einen Einblick in den Wirkungskreis ihrer äußerlich wenig verschiedenen älteren Vierlings-
schwestern (Bild 37) geben die beiden Aufnahmen des Schnellzuges D 40 Berlin—München im
Saaletal bei Jena (Bild 38) und Dornburg (Bild 39), gleichsam eine Illustration zu Karl Henckells
„Heimfahrt“ bildend:

„Im Nebel schlummern Tal und Flur;
Durch Sturmgebraus und Regen
Die tiefaufdonnernde Eisenspur
Saus’ ich dem Morgen entgegen.
Es graut, und fahler Schein erwacht
Dort über jenen Höhen,
Ins Föhrendickicht verkriecht die Nacht -—
Nur weiter in Lust und in Wehen!

Stoß aus, du eherner Koloß,
Die weiße Dampfessäule,
Trag’ mich vorüber an Dorf und Schloß,
Vorüber in rasender Eile!
Doch wie du stampfst und wie du jagst,
Vorschleudernd deine Pranken,
Stürmischer, als du stürmen magst,
Stürmen meine Gedanken.“
Karl H e n c k e 11,
„Heimfahrt“.
Fürwahr, ein brausendes Dahinstürmen ist es, fast schneller als die Zeit, von welcher der Gegen-
satz der freundlich von Bergeshöh’ herabgrüßenden Schlösser und Burgen der Vergangenheit
zu der zu ihren Füßen dahinbrausenden Verkörperung technischer Gegenwart ein ganzes Jahr-
hundert in sich festhält.
Aus Süddeutschland aber waren eine Anzahl 2 G I-Vierzylinder-Verbund-Heißdampf-
Schnellzuglokomotiven herbeigeeilt: neben einer neugeborenen „Badenserin“ (Bild 42) zwei
trotz ihres zurückliegenden Entwurfsjahres auch heute noch elegant und zeitgemäß wirkende
Zwillinge der ehemaligen Bayerischen (Bild XIV) und Badischen Staatsbahnen (Bild XVI), im

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