Strauss, Walter
Von eisernen Pferden und Pfaden: Lebensbilder aus dem Reiche der Lokomotive — Hannover, 1924

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DAS EISERNE PFERD, WIE ES SEIN GESCHLECHT KENNEN LERNT.

Schmucke ihres Farbenkleides anschaulich beweisend, wie schon immer die aus der Münchener
Lokomotivfabrik von J. A. Maffei hervorgegangenen Maschinen sich durch besondere Formen-
schönheit in der Vierzylinderanordnung mit Barrenrahmen und hochliegendem Kessel aus-
zeichneten und einen neuen Stil im Lokomotivbau schufen. Während die ebenfalls schon 1909
von der Maschinenfabrik Eßlingen entworfene ,,Schwäbin“ (Bild 41) sich in dem zweitnächsten
Bild 43 in ihrem Wirkungskreis offenbart, wo sie schwere Schnellzüge ohne Vorspann
über die an steilen Steigungen reiche Hauptstrecke Bretten—Stuttgart—Ulm befördert, erinnert
das kraftvolle Anfahren ihrer von Maffei erbauten jüngeren Schwester (Bild 44) unwillkürlich
an die Worte Gerrit Engelkes:
Da liegt das zwanzigmeterlange Tier,
Die Dampfmaschine,
Auf blankgeschliffener Schiene
Voll heißer Wut und sprungbereiter Gier —
Da lauert, liegt das langgestreckte Eisenbiest —
Sieh’ da: wie Öl und Wasserschweiß
Wie Lebensblut, gefährlich heiß
Ihm aus den Radgestängen, den offnen Weichen fließt.
Es liegt auf achtzehn roten Räderpranken
Wie fiebernd, langgeduckt zum Sprunge,
Und Fieberdampf stößt röchelnd aus den Flanken.
Es kocht und kocht die Röhrenlunge —
Den ganzen Rumpf die Feuerkraft durchzittert,
Er ächzt und siedet, zischt und hackt
Im hastigen Dampf und Eisentakt, —
Dein Menschenwort wie nichts im Qualm zerflittert.
Das Schnauben wächst und wächst —
Du stummer Mensch erschreckst —
Du siehst die Wut aus allen Ritzen gären —
Der Kesselröhren Atemdampf
Ist hochgewühlt auf sechzehn Atmosphären;
Gewalt hat jetzt der heiße Krampf:
Das Biest, es brüllt, das Biest, es brüllt,
Der Führer ist in Dampf gehüllt —
Der Regulatorhebel steigt nach links:
Der Eisenstier harrt dieses Winks!
Nun bafft vom Rauchrohr Kraftgeschnauf:
Nun springt es auf! Nun springt es auf!
Doch:
Ruhig gleiten und kreisen auf endloser Schiene
Die treibenden Räder hinaus auf dem blänkernden Band,
Gemessen und massig die kraftgefüllte Maschine,
Der schleppende, stampfende Rumpf hinterher —
Dahinter — ein dunkler, verschwimmender Punkt —
Darüber — zerflatternder Qualm.
Gerrit E n g e 1 k e ,
,, Lokomotive“.
,,Den Bergen entgegen“ (Bild 45) braust als Vertreterin der Zweizylinder-Heißdampf-
Personenzug-Lokomotiven die allseits bekannte P 8 (Bild 40), die als die am zahlreichsten
vertretene 2 C-Type nicht mit Unrecht das Scherzwort auf kommen ließ, bei der Preußischen
Staatsbahn sei alles ,,ver-P-8-et“ (verpachtet). Als ,,das Mädchen für alles“ zeigt sie sich hier
an der Spitze eines D-Zuges an den lieblichen Hängen des Harzes, wo ihr in der Nähe von
Goslar Dipl.-Ing. \\ olll in der geschickten Aufnahme des Bildes 45 eine längst verdiente
Würdigung bereitete:

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