Strauss, Walter
Von eisernen Pferden und Pfaden: Lebensbilder aus dem Reiche der Lokomotive — Hannover, 1924

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DAS EISERNE PFERD, WIE ES GEHORCHEN LERNT.

die verblüffende Geschicklichkeit der Seelöwen im Zirkus erinnert der Raupenschlepper von
Rild 200/01, der trotz seiner scheinbar hilflos-plumpen Gestalt seinen zwei- und vierbeinigen
Brüdern an Geschicklichkeit in nichts nachsteht.
So sind sie alle an unserem Auge vorüber geglitten, Zwerge und Riesen eines die ganze
Welt beherrschenden „eisernen Geschlechtes“, als die guten Hausgeister dem Menschen unent-
behrlich geworden, denn
„Wir können uns heute ein Dasein ohne Eisenhahnen kaum mehr vorstellen. Jeder
Versuch, sich ein solches auszumalen, führt uns sofort in die größten Unwahrscheinlichkeiten
und Unmöglichkeiten, so sehr sind Eisenbahnen heute ein Bedürfnis des modernen Lebens
in allen denkbaren Beziehungen geworden,“
sagt Max Evth in seiner „Philosophie des Erfindens“. Ein plötzliches Versagen des eisernen
Pferdes durch Krieg oder Streik, höhere Gewalt oder Unglücksfall haben, wenn auch nur für
wenige Stunden, uns diese Wahrheit am deutlichsten zum Bewußtsein kommen lassen, so daß
auch Artur Fürst mit Recht seine „Welt auf Schienen“ mit den Worten abschließt:
„Was wären uns die Herrlichkeiten der Erde ohne die Eisenbahnen! Eine Sage, etwas
unerreichbar Fernes für die meisten! Man nehme aus unserer Welt die Welt auf Schienen, und
sie wandelt sich aus sorgsam angebautem Land in eine unbetretbare Wildnis zurück.“ —
Derselbe Mensch, welcher der Lokomotive erst die Kraft des dahinstürmenden Rosses
verlieh, er mußte auch darüber nachsinnen, die einmal wachgerufenen Geister im Zaume zu
halten, wozu ihm die Zügel der erst im Kriege entstandenen Kunze-Knorrbremse die voll-
kommenste Möglichkeit geben. Zur Gattung der selbsttätigen Einkammer-Druckluftbremsen
gehörig, kann die Kunze-Knorrbremse ohne einschneidende Änderungen mit den gebräuchlichsten
Einkammerbremsen innerhalb eines Zuges Zusammenarbeiten. Die Wirkung der Einkammer-
Druckluftbremsen beruht bekanntlich darauf, daß durch Auslassen von Druckluft aus der den
Zug entlang führenden Bremsleitung durch den Lokomotivführer die Notbremse oder durch
Kupplungsbruch an jedem mit Druckluftbremse versehenen Wagen ein Steuerventil sich öffnet
und Druckluft aus einem Hilfsluftbehälter in den eigentlichen Bremszylinder einströmen läßt.
Der auf diese Weise betätigte Bremskolben bringt dann vermittels Gestängeübertragung die
einzelnen Bremsklötze gleichmäßig zum Anzug, wobei der Druck im Hilfsluftbehälter stetig
abnimmt, im Druckzylinder beständig zunimmt, bis bei Druckausgleich die höchste Brems-
wirkung erzielt ist.
Während bei den selbsttätigen Einkammerbremsen der bisherigen Bauart sich die Brems-
wirkung zwar stufenweise verstärken, jedoch nicht ebenso wieder abschwächen ließ, ist bei der
Kunze-Knorrbremse eine Abstufbarkeit nach beiden Richtungen hin möglich. Außerdem aber
kann nach Erfüllung seines eigentlichen Zweckes, d. h. der Regelung des Druckausgleiches
zwischen dem Druckzylinder und dem Hilfsluftbehälter dessen Differentialkolben durch Gestänge
mit auf die Bremsklötze einwirken und durch diese Steigerung der höchsten Bremswirkung
auch noch das Lastgewicht beladener Wagen mit abbremsen helfen. Diese Zusatzbremsung
wird durch einen an jedem Güterwagen befindlichen Handgriff vor Abfertigung des Zuges von
der Begleitmannschaft für leere Wagen aus-, für beladene Wagen mit eingeschaltet, um so
durch Anpassung des Bremsdruckes an die Achslast eine ganz gleichmäßige Bremsung zu
erzielen und ein hartes Auflaufen der Wagen oder Zerrungen innerhalb des Zuges durch Unter-
schiede der am Zugende oder -anfang wirkenden Verzögerungskräfte zu vermeiden. Der Brems-
vorgang wird hierbei in ein leichtes, unter möglichster Beschleunigung sich fortpßanzendes
Anbremsen der Wagen und in ein allmähliches Ansteigen des Bremsdruckes bis zum Höchstwert
zerlegt.

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