Strauss, Walter
Von eisernen Pferden und Pfaden: Lebensbilder aus dem Reiche der Lokomotive — Hannover, 1924

Seite: [54]
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DAS EISERNE PFERD, WEN ES ZIEHEN MUSS.

Von einer früheren Reise jedoch, bei der
Dunkelheit der Kiefernwälder eindrangen“

„unsere Spannung sich steigerte, je tiefer wir in die
, schließt Kügelgen mit dem sarkastischen Ausklang:

„Es zeigte sich indessen gar nichts, die Erfahrung etwa abgerechnet, daß keine Rose
ohne Dornen ist. Der jüngere Volkmann nämlich war nach und nach verstummt und nach-
denklich geworden. Dann bekam er einen fatalen magenverderblichen Ausdruck, legte den
Kopf in den Schoß der Mutter, und das übrige wird man sich denken. Es war entsetzlich! Das
Schaukeln des Wagens hatte seine Kraft gebrochen, das übel steckte an, man mußte halten,
und der stumme Wald vernahm das Angstgestöhn der Menschenkinder. So war die kleine
Reise ein rechtes Lebensbild, mit Übermut begonnen und mit Angst beendet, aber der Himmel
folgte.“

Auf diese Weise aber erhalten Karl Mayers Anfangsverse von der „Reisemanier“ für uns heute
eine gar humorvolle Doppelbedeutung, wenn er singt:
„Schwager, fahr’ nun zu!
Schwager, halt!“ — Im Nu
Tat’s der Gute, wenn wir riefen,“

während er sie in Wirklichkeit als Feind

des „eisernen Pferdes“

dessen „neuer“ Reisemanier

gegenüberhalten will:
„Rufet jetzt Lokomotiven!
Es reist ein jeder wie ein Block,
Auf Eisenbahnen rastlos fortgerissen.
Vom alten Wandern mag sogar nichts wissen
Der Handwerksbursche letzter Schock.“

Kein Wunder, wenn dann auch V. v. Scheffel
Luft kutschieren und über das Vordringen des

seinen „Letzten Postillon“ als Geist durch die
eisernen Pfades klagen läßt:
o

„0 Zeit des Paßgangs und des Trabs,
Des Trinkgelds und des Trunks,
Des Poststalls und des Wanderstabs,
Des idealen Schwungs!
Jetzt geht die Welt aus Rand und Band,
Die Besten ziehn davon,
Und mit dem letzten Hausknecht schwand
Der letzte Postillon!“
Und doch!

Welch’ ungeheurer Fortschritt dem „Schwager Postillon“ gegenüber die erste Eisenbahn,
die in ihren Uranfängen auch nichts anderes darstellt als eine auf Schienen laufende und von
Pferden gezogene Postkutsche. So hat sie von dieser nicht nur alle Schwächen und Leiden,
sondern auch die Poesie, und wie die Zeichnung von Josef Danilowatz, Wien (Bild 2), so unfrei-
willig bekennt, für unsere heutigen Begriffe auch den Humor übernommen. Und dieser war,
gepaart mit Geduld, damals gewiß sehr notwendig, um über die noch zahlreichen Mängel hinweg-
zukommen: war doch das „dreimalige Entgleisen“ der „Lady Hilda“, die dann nach Aufnahme
ihrer Fahrgäste von den übrigen Pferde-Eisenbahnkutschen zurückgelassen wurde, die Ursache,
weshalb die „Eröffnungszüge“ der Whitby & Pickering Railway verspätet in Pickering ein-
trafen. Doch daß man dessenungeachtet die zukünftige Bedeutung des eisernen Pfades gleichsam
in seiner ganzen Tragweite schon damals voraussah und sich durch nichts in der großen Freude
über den errungenen Fortschritt irre machen ließ, läßt ein Bericht eines Augenzeugen von der
Eröffnung dieser Pferde-Eisenbahn so lebhaft nachempfinden:

„About nine in the morning the church bells of Pickering began to announce the
opening of the new railroad, and people began to draw near to the place where the carriages
had to pass. Five bands of music were stationed in proper places for the best effect. About

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