Strauss, Walter
Von eisernen Pferden und Pfaden: Lebensbilder aus dem Reiche der Lokomotive — Hannover, 1924

Seite: [66]
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DER EISERNE PFAD, WIE ER SICH ZUSAMMEN SETZT.

„Aber trotz bester Equipage war’s doch immer nicht die beste Fuhre. Die Wege gingen
auf, und der Wagen taumelte wie ein Trunkenbold von einer Seite auf die andere, bis er schließlich
in der Naumburger Gegend in einem Schneeloche stecken blieb. Mein Vater und der Kutscher
sprangen ab. Sie durchnäßten sich fast bis zum Halse, indem sie mit Geschrei und Prügeln
taten, was sie konnten, auch legten sich die Pferde mit allen Kräften ins Geschirr und taten
ebenfalls, was sie konnten, aber der Wagen stand wie eingenietet.“
Und wenn sich auch so mancher Poet durch das Vordringen des neuen Pfades in seinem Dichter-
hain bedrängt sah und ablehnend mit Graf Strachwitz singt:
„Es rollt die Welt auf glatten Schienen,
Mich freut’s, zu gehen durch’s hohe Gras,“
oder gar Grillparzer die Eisenbahn als „des Fortschritts Bürgschaft“ mit dem etwas boshaften
Vergleich aburteil t:
„Eisenbahnen, Anlehen und Jesuiten
Sind unbestritten
Die Wege, die wahren,
Zum Teufel zu fahren,“
so konnte damit dem Siegeszug des eisernen Pfades nicht Abbruch getan werden, von dem
daher schon Max Maria von Weber vorausschauend sagt:
„Die Eisenbahngleise und die Telegraphendrähte, das sind die Notenlinien, von denen
der Menschheit eine neue, große Symphonia eroica aufgespielt wird.“
Und nun stehen wir in Bild 310 an einer solchen Notenzeile des eisernen Pfades und lauschen dem
anschwellenden Brausen des gleichsam aus einem Nichts, einem winzigen Notenpunkt ruckweis
hervortauchenden eisernen Pferdes:
„Herbstmorgensonne blitzt auf dem Gleis,
Die Birken leuchten im hellsten Weiß,
Marienfäden wandern sacht
Über der Sträucher verwelkte Pracht.
Eine Krähe hebt sich von schwankem Ast
Und fliegt hinein in den Sonnenglast.
So sonntagsstill, nur ein Glockenlaut —-
über allem der prächtigste Himmel blaut. . .
Von fern ein Pfiff — leis’ dröhnt die Schiene,
Im Dampfgischt ein Pünktchen nur, die Maschine;
Nun näher und näher ein dumpfes Rollen
Durch tauige, schwarze Ackerschollen.
Über der Saaten glitzerndes Grün
Vom Schlote Schwaden von Funken spriih’n,
Und nun in polternder Raserei
Braust der Koloß im Fluge vorbei,
Und Wagen auf Wagen —- Geratter, Gestampf,
Und schwarze Wolken von dichtem Dampf.

Vorbei! — Verhallendes Rädergestampf,
Auf den Äckern lagert breit sich der Dampf. —“
B r u n o P o m p e c k i,
„Am Bahndamm“.

Bietet ein Besuch des Haarmannschen Gleismuseums als Abteilung des Berliner Verkehrs-
und Baumuseums einen umfassenden Überblick von den Uranfängen des eisernen Pfades bis
zu seinen modernsten Ausführungen, so will auch das Stimmungsbild 310 eine Neuerung auf
diesem Gebiete, und zwar die probeweise Einführung von Asbestonschwellen vor Augen führen.
Mußte man doch bisher die Unzulänglichkeiten der üblichen Querschwellen aus Kiefern-,

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