Strauss, Walter
Von eisernen Pferden und Pfaden: Lebensbilder aus dem Reiche der Lokomotive — Hannover, 1924

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DER EISERNE PFAD, WIE ER SICH ZUSAMMENSETZT

(Bild 337/40), dessen Schönheit Gerhart Hauptmann
lebenswahr offenbart:

in seinem „Bahnwärter Thiel“ so

„Die Strecke schnitt rechts und links gradlinig in den unabsehbaren, grünen Forst hinein;
zu ihren beiden Seiten stauten die Nadelmassen gleichsam zurück, zwischen sich eine Gasse
freilassend, die der rötlichbraune, kiesbestreute Bahndamm ausfüllte. Die schwarzen parallel-
laufenden Gleise darauf glichen in ihrer Gesamtheit einer ungeheuren, eisernen Netzmasche,
deren schmale Strähne sich im äußersten Süden und Norden in einem Punkte des Horizontes
zusammenzogen.“

Desselben Horizontes, aus dem heraus das eiserne Roß wie eine Fata Morgana hervorstürmt
und, dem brausenden Samum gleich, so schnell wie er gekommen, wieder verschwindet:
„Ein dunkler Punkt am Horizonte, da wo die Gleise sich trafen, vergrößerte sich. Von
Sekunde zu Sekunde wachsend, schien er doch auf einer Stelle zu stehen. Plötzlich bekam er
Bewegung und näherte sich. Durch die Gleise ging ein Vibrieren und Summen, ein rhythmisches
Geklirr, ein dumpfes Getöse, das, lauter und lauter werdend, zuletzt den Hufschlägen eines
beraub rausenden Reitergeschwaders nicht unähnlich war.
Ein Keuchen und Brausen scholl stoßweise fernher durch die Luft. Dann plötzlich zerriß
die Stille. Ein rasendes Tosen und Toben erfüllte den Raum, die Gleise bogen sich, die Erde
zitterte — ein starker Luftdruck — eine Wolke von Staub, Dampf und Qualm, und das
schwarze, schnaubende Ungetüm war vorüber. So wie sie anwuchsen, starben nach und nach
die Geräusche. Der Dunst verzog sich. Zum Punkte eingeschrumpft, schwand der Zug in der
Ferne, und das alte heil’ge Schweigen schlug über dem Waldwinkel zusammen.“

Gerade der schlichte Hintergrund des waldumsäumten Bahneinschnittes ist es, der weit mächtiger
als die Majestät des Wellenmeeres oder das eisige Schweigen der Gletscherwelt Gerhart ITaupt-
mann die Weihestimmung des Sonnenunterganges empfinden läßt:

„Auch die Gleise begannen zu glühen, feurigen Schlangen gleich, aber sie erloschen zuerst.
Und nun stieg die Glut langsam vom Erdboden in die Höhe, erst die Schäfte der Kiefern, weiter
den größten Teil ihrer Kronen in kaltem Verwesungslichte zurücklassend, zuletzt nur noch den
äußersten Rand der Wipfel mit einem rötlichen Schimmer streifend. Lautlos und feierlich
vollzog sich das erhabene Schauspiel.“

Und wurde diese feierliche Stille früher nur durch das leise Summen der Telegraphendrähte
durchbrochen, von denen v. Saar singt:

„Ihr dunklen Drähte, hingezogen,
Soweit mein Aug’ zur Ferne schweift,
Wie tönt ihr, wenn der Lüfte Wogen
In euch so wie in Saiten greift!

O welch’ ein seltsam leises Klingen,
Durchzuckt von schrillem Klagelaut,
Als hallte nach, was euren Schwingen
Zu raschem Flug ward anvertraut.
Als zitterten in euch die Schmerzen,
Als zitterte in euch die Lust,
Die ihr aus Millionen Herzen
Verkündend, tragt von Brust zu Brust.

Und so, ihr wundersamen Saiten,
Wenn euch des Windes Hauch befällt,
Erklingt ihr in die stillen Weiten
Als Äolsharfe dieser Welt!“,
so haben sich mit dem Aufkommen des elektrischen Pferdes noch die kraftleitenden Fahr-
drähte dazu gesellt (Bild 337/40), die durch ihre Lage über den Gleismitten die perspektivische

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