Strauss, Walter
Von eisernen Pferden und Pfaden: Lebensbilder aus dem Reiche der Lokomotive — Hannover, 1924

Page: [73]
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DER EISERNE PFAD, WIE ER ÜBERWACHT WIRD.

Wirkung einer modernen elektrischen Bahnstrecke noch erhöhen helfen als ein neuer Beweis,
wie durch den Fortschritt der Technik die Poesie nicht erstickt wird, sondern in anderer Form
stets neues Leben gewinnt. Und wer nicht gerade allzublind in die Welt des Eisenbahnreiches
hineinschaut, der wird überall die sorgende Hand des denkenden Ingenieurs erkennen, und
wenn es nur ein einfacher Schneezaun ist (Bild 334), der, o Ironie des Schicksals, von einem
ganz anderen Zweck ausgehend, heute gleichzeitig den denkwürdigen Antrag des Oberbayerischen
Medizinalkollegiums aus der Werdezeit der Nürnberg-Fürther Eisenbahn zu erfüllen scheint:

,,l)ie schnelle Bewegung muß bei den Reisenden unfehlbar eine Gehirnkrankheit, eine
besondere Art des delirium furiosum erzeugen. Wollen aber dennoch Reisende dieser gräßlichen
Gefahr trotzen, so muß der Staat wenigstens die Zuschauer schützen, denn sonst verfallen diese
beim Anblick des schnell dahinfahrenden Dampfwagens genau derselben Gehirnkrankheit. Es
ist daher notwendig, die Bahnstrecke auf beiden Seiten mit einem hohen Bretterzaun ein-
zufassen.“ —

Wo aber die Schneeverwehungen oder Lawinenstürze aufhaltende natürliche
Wald, fehlt, von dessen schneehemmender Bedeutung schon Schiller in seinem ,,
sagt:

Schranke, der
Wilhelm teil“

,,Die Lawinen hätten längst
Den Flecken Altdorf unter ihrer Last
Verschüttet, wenn der Wald dort oben nicht
Als eine Landwehr sich dagegen stellte,“

da wird der einfache Zaun (Bild 334) durch den Schneeschirm (Bild 615), die Schneegalerie
(Bild 335/36) oder den festgemauerten Schneetunnel (Rild 648) ersetzt, während besondere
Lawinenverbauungen (Bild 518/19) ein Herabrutschen der Schneemassen verhindern bzw. in
andere, die Bahnlinie nicht bedrohende Richtungen ablenken sollen.
Sogar der einfachste, fern jeglicher menschlichen Behausung sich bewegende Signalarm
oder dessen sich geheimnisvoll verwandelndes Licht, das eben noch wie ein warnender Bluts-
tropfen am Abendhimmel hing und nun plötzlich, nach einem Augenblick des scheinbar Ver-
löschens, in Willkommen heißendem Grün erstrahlt, vermag auch heute noch denselben ehr-
fürchtigen Schauder zu erwecken, den einst der kleine Waldbauernbub empfand, als er zum
erstenmal die damaligen Korbsignale erblickte:

,,Weiter hin gegen Spital in der Abendsonne stand an der eisernen Straße ein gemauertes
Häuschen; davor ragte eine hohe Stange, auf dieser baumelten zwei blutrote Kugeln. Plötzlich
rauschte es an der Stange, und eine der Kugeln ging wie von Geisterhand gezogen in die Höhe.
Wir erschraken baß. Daß es hier nicht mit rechten Dingen zuginge, war leicht zu merken.“

Ob durch die nach dem Kennvers:

,,'White is right, red is wrong,
Green is ge nt ly go along“

geschwungenen farbigen Flaggen oder Lichter der ersten
die von einer geistigen Zentralstelle aus bedienten und
des heutigen Sicherungswesens, es bleibt sich einerlei,

englischen Eisenbahnen oder ob durch
untereinander abhängigen Signalarme
denn überall dort,

„Wo an vielen blanken Gleisen
Weiß und gelb und rot und grün
Bunte Lichter Wege weisen,
Stetig wechselnd hell erglüh’n,“

wurzelt
bleiben,

die Poesie des eisernen Pfades. Nur selten wird sie dem Laien in dieser Form verborgen
denn schier unübersehbar ist das Heer der treuen Wächter des eisernen Pfades: bald

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