Strauss, Walter
Von eisernen Pferden und Pfaden: Lebensbilder aus dem Reiche der Lokomotive — Hannover, 1924

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DER EISERNE PFAD, WO ER ZUR RAST EINLADET.

Nein, schauen wollen wir, nur immer wieder schauen. Erst einen Blick in die lichtdurchflutete
Querhalle werfend (Bild 366/67), deren weitgespannte Seitenöffnungen geschickt das Auf-
einandertreffen von Stein und Eisen vermitteln, wollen wir uns mit unserem Sonnenvogel in
das Ätherblau hinaufschrauben, um von der Höhe herab eine Gesamtübersicht (Bild 368/69)
nicht allein von dem Empfangsgebäude selbst, sondern auch von seiner Lage zu dem Post-
und Güterbahnhof, dem Wirrwarr seiner Zufahrtsgleise und Weichen mit ihrem zentralisierten
Jochbogenstellwerk zu gewinnen, in dessen grünen Kästen nach Artur Fürst
,,das Geistchen sitzt, das Exaktheit heißt und sich durch kein Lokomotivgebraus, kein
Winken und Klingeln beirren läßt.“
Über dem stählernen Schienennetz des „sausenden Webstuhles der Zeit“, an dessen Stelle sich
einst ein wellenförmiges, ödes Sandgebirge erhob, verraten kugelige Dampfwölkchen, bald hier,
bald dort wie platzende Schrappneilwölkchen in lichtem Weiß emporpuffend und wandernde
Schatten über die Gleise werfend, das unruhvolle Hin und Her des Rangierbahnhofes,

„Wo bei schrillem Tuten, Pfeifen
Puffer stoßen, Wagen prallen,
Achsen kreischen, Bremsen schleifen,
Drähte zwitschern, Arme fallen,

Wo Maschinen zischen, fauchen,
Drücken, stoßen und rangieren,
Wasser nehmen, Dampf aushauchen
Und im Dunkeln sich verlieren.“

Jenes geisterhaft durch ein Heer von Bogenlampensonnen überstrahltes Dunkel, in dessen
Schlagschatten der „Rangierbahnhof“ zur Hölle wird, wie Helene Böhlau in ihrem gleich-
namigen Roman sagt:
„Und aus der Dunkelheit Töne und ein Würgen und Arbeiten, ein Rasseln und Wüten,
Schreien und Pfeifen. -— Und in einem fort — in einem fort. Nie fängt’s an und nie hört’s auf.
Nie werden sie fertig. Es hat so etwas Verzweifeltes -— und immer in höchster Not. — Die Rufe
klingen wie Unglücksschreie, das Rasseln, als wenn etwas Entsetzliches geschehen wäre. Das
Pusten und Stoßen, als wenn etwas Lebendiges zerquetscht würde. Man stellt sich die gräßlichsten
Dinge vor, und alles klingt wie ewige Aufregung, ewiges Uberanstrengtsein. Erbarmungslos und
sinnlos. Als wenn Wahnsinnige toben und schieben und poltern und puffen und heulen und
schreien und brausen und pfeifen. Man kommt in eine Spannung, in eine Wut! Es ist, als wenn
man das fürchterlichste Lieber hätte -— und die draußen wüten fort — wüten fort ohne Ende.
Jetzt hat’s geklappt, gerollt, gepufft, sich angehängt, gerade als wenn’s fertig und zufrieden
wär’ —- Golf bewahre — es geht von neuem los! Da kommt wieder etwas neues angewütet,
angebraust, angeheult. Nie hört’s auf, ohne Ende, ohne Ende! •—“

Höher und höher kreist unser Sonnenvogel, die Erde zu unseren Füßen verschwimmt,
goldblitzende Wolkenmassen schieben sich dazwischen, und in ihren wogenden Nebeln taucht
plötzlich an Stelle des größten Bahnhofs der Welt sein Urahne, die bescheidene Halle des
Dresdener Bahnhofs zu Leipzig (Bild 362), als einer der ältesten deutschen Empfangsgebäude
auf. Wo sich eben noch die künstlerisch ausgebildeten Betonkandelaber erhoben, flattern an
hölzernen Fahnenstangen lustige Wimpel über die beiden Häuschen für „Casse“ und „Portier“
zu ihren Füßen. Nebel wallen, Jahre verfließen: da ist schon der Magdeburger zur Seite des
Dresdener Bahnhofs entstanden (Bild 363), in dessen erweiterten Bau soeben ein Zug einge-
laufen ist und seine Reisenden auf den baumumstandenen Bahnhofsplatz ergießen läßt. Dasselbe
Gewimmel, dieselbe Empfangsarie, wie sie auch heute und in Zukunft immer die gleiche bleiben
wird, nur in anderer Tonart, mit Vatermörder und Zylinderlnit, in Zackenhöschen und Reifrock.
Nun ist es wieder, als ob die Wolkenmassen das andere Ende der ersten sächsischen
Eisenbahnlinie Leipzig—Dresden plastisch formen, deren Bahnhofsgebäude in ihrem Wandel

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