Strauss, Walter
Von eisernen Pferden und Pfaden: Lebensbilder aus dem Reiche der Lokomotive — Hannover, 1924

Page: [76]
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DER EISERNE PFAD, WO ER ZUR

RAST

EINLADET.

von „Einst“ (Bild 364) und „Jetzt“ (Bild 370) vor unseren Augen entstehen. Bietet
doch gerade das Heute des Dresdener Hauptbahnhofes ein geschicktes Beispiel für die
Vereinigung von Kopf- und Durchgangsbahnhof, da die größere, in Straßenhöhe liegende
Mittelhalle (Bild 370) die sechs Endgleise der Strecken Görlitz—Dresden—Chemnitz aufnimmt,
während die beiden kleineren dreigleisigen Seitenhallen dem 4,5 m höher gelegenen Durchgangs-
verkehr von Leipzig und Berlin nach Bodenbach, Prag und Wien und in entgegengesetzter
Richtung dienen und an der Südseite noch von einer schmalen Güterhalle für zwei Durchgangs-
gleise begleitet sind. Das Bestreben, Gleiskreuzungen in und vor dem Bahnhof sowie allzustarke
Neigungen der Gleise bei den zur Verfügung stehenden kurzen Einfahrtsrampen zu vermeiden,
gab die Veranlassung für die verschiedenen Höhenlagen der einzelnen Linien. So ist der bei
Eröffnung der Leipzig—Dresdener Strecke von dem Kreisdirektor v. Falckenstein in der Fest-
rede ausgesprochene Wunsch:
„Ja, der Mitwelt wie der Nachwelt gehört das schöne Werk. Möge der Höchste es schützen
und es gedeihen lassen, damit das gesamte Vaterland fort und fort mit freudigem Blick aul den
Tag zurückschauen könne, der ein Werk begrüßte, das erbaut ist zum Wohle und zur Ehre des
sächsischen Volkes!“
in den gewaltigen Endbahnhöfen der beiden Nachbarstädte so trefflich in Erfüllung gegangen.
In allen seinen Hallen als Kopfbahnhof ausgebildet ist der im Aufbau der Eisenkon-
struktion dem Dresdener Hauptbahnhof (Bild 370) ähnelnde Hauptbahnhof zu Frankfurt a. M.
(Bild 371), der dem wachsenden Verkehrsverhältnis der mitteldeutschen Handelsstadt Rechnung
tragend, nach langen Jahren während der Kriegszeit rechts und links noch ein — Hallenjunges
erhielt und mit diesen zusammen nunmehr fünf Hallenkinder zählt. Mit ungeheurem Druck
aus ihrem Mundstück emporschießenden Fontänen gleichend, die, nach oben sich mehr und mehr
verbreiternd, in zierlich schäumenden Sprühregen sich auflösen, ragen die schlanken Pfeiler
der scheinbar von jeder Erdenschwere freien Hallen empor, um sich im Hintergrund an den
wuchtigen Renaissancebau des Empfangsgebäudes mit dem Erdball tragenden Atlas an der
Mittelkuppel anzulehnen. Oder auch riesige exotische Palmen sind es, die in wohlgeordneten
Reihen verpflanzt, mit ihren sich üppig verbreiternden Fächern gegenseitig berühren und ein
sonnendurchzittertes, luftiges Blätterdach bilden, zwischen dessen eisernen Stämmen die
Schlangen der ])- und Personenzüge aus- und einkriechen.
Mag auch das wie an schaukelnden Lianen hängende Warnungsschild vor dem Rawieschen
Bremsprellbock noch so eindringlich ein gebieterisches „Halt!“ dem Lokomotivführer ent-
gegenrufen, so gilt doch ein Kopfbahnhof für viele Reisende noch lange nicht als das Ende
der Fahrt, sondern, wie es in dem Kotzebueschen Trostliede vom Scheiden heißt:

„So knüpfen ans fröhliche Ende
Den fröhlichen Anfang wir an,“
nur als Ausgangspunkt eines neuen Reiseabschnittes, als ein belebender Wechsel zwischen Ein-
und Aussteigenden, zwischen Lokomotive und Zug.
„Sie — kam von Bebra, er — von Berlin. Sie — eine stattliche Erscheinung, ein Sprüh-
teufel voll Feuer und Lebenskraft, voll Glut und Unternehmungsgeist. Er — bewußt seines
inneren Gehaltes, würdevoll, ruhig, mit federndem, elastischem Gang. Beide hochmodern —
und das war ihr Fehler. So angenehm sie auch äußerlich in ihren dunklen, geschmackvollen
Farben zu seinem vornehmen Schwarz wirkte, so grundverschieden waren sie in ihrem Innern.
Sie war anspruchsvoll; wollte blitzen und glänzen. Eigentlich wäre das nicht so schlimm
gewesen, — alle Damen sind etwas eitel — wenn sie nicht so exzentrische Triebe gehabt hätte:
sie rauchte und ließ sich darin nichts sagen. Überhaupt führte sie das Regiment. Wie sie pfiff,
mußte er springen, und das verdroß ihn. Kein Wunder, daß der Frieden nicht lange anhielt;
nur aul einige Stunden. Dann ließ er sie stehen und wandte sich einer anderen zu. Und das

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