Strauss, Walter
Von eisernen Pferden und Pfaden: Lebensbilder aus dem Reiche der Lokomotive — Hannover, 1924

Page: [77]
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DER EISERNE PFAD, WO ER ZUR RAST EINLADET.

nicht einmal, nein, zwei-, dreimal an — einem Tage. Und sie? — Sie war es gewohnt und ließ
ihn laufen, so sehr es auch in ihrem Innern kochte. Wußte sie doch, daß er wiederkam und dann,—
ja dann würde sie von neuem anziehend auf ihn wirken, ihn, den ,,Zug“ zum Ewig-Weiblichen,
sie, die stolze „Vierzylinder-Verbund-Heißdampf-Schnellzuglokomotive.. .“
Aus des Verfassers Plauderei:
,,Frankfurt—Darmstadt, D-Zug 2.“

Langsam, kaum merklich, zieht der ,,neue Vorspann“ an, majestätisch gleiten die schlanken
D-Zugwagen aus dem dämmrigen Halbdunkel des gläsernen Hallendoms in das blendende
Sonnenlicht, ein letzter Händedruck, ein fröhliches Winken, schneller und schneller kreisen
die Räder, bald aus dem rhytmischen ,,Tara-tara“ in das stürmische „Rattattata-rattattata“
der höchsten Geschwindigkeit übergehend, wenn
,,Uber die stählernen Stränge
Rattert und pfaucht der Zug.
Schwarzes Wolkengedränge
Schweift daneben im Flug.
Räder- und Kolbengestampf,
Und durch den Schlot drängt pfeifend
Gell mitunter der Dampf.“
Georg Busse-Palma,
,,Der Bahnhof.“

Schier unentwirrbar erscheint das Durcheinander der zahlreichen Ein- und Ausfahrtsgleise
(Bild 372), bei frisch gefallenem Sch nee sich von dem lichten Hintergrund wie zartes Blatt-
geäder abhebend (Bild 373).

,,Es glühn und sprühn die Schienen blank,
Das knattert und knistert wie helles Gekicher
Klick, klack, klirr! über die Weichen hin.
Und näher, näher rollt’s heran
Im Funkensprude 1 katarakt
Und rasselt sein prestissimo
Mit Kling und Klang im Rattertakt.“
E rnst Freiherr von W o 1 z o g e n.

So wiederholt sich überall das gleiche Spiel, ob unter dem zarten Eisengespinst des Leipziger
(Bild 366), Dresdener (Bild 370) oder Frankfurter Hauptbahnhofs (Bild 371), ob unter den
vollwandigen Bimsbeton-Schildkrötenschalen von Dortmund (Bild 381/82), Basel (Bild 383),
Homburg v. d. H. (Bild 384) oder Bad Ems (Bild 385), oder ob unter den zwei- und einstieligen
Bahnsteigdächern aus Eisenbeton, die wie ein mit den Flügeln wippender Schmetterling sich
leichtbeschwingt auf den Perroninseln niedergelassen haben -— überall das ewig gleiche, freud-
lind leidbewegte Lied vom Kommen und Gehen, Wiedersehen und Scheiden. Ein Stückchen
Wendepunkt im Leben so manches Menschen spielt sich da unter den gastlichen Hallen des
eisernen Pferdes ab, fast alltäglich und doch lautlos untertauchend in dem Verebben und Zurück-
fluten der Großstadtausflügler, das Hugo Salus so lebenswahr empfindet:

„Zum Bahnhof gelb ich gern am Sonntagabend,
Und fahren donnernd dann die Züge ein,
Bringt jeder Wagen, meine Seele labend,
Ein Stückchen Land mit in die Stadt herein.

Und alle Wagen glüh’n vom Sonnenbrände,
Und jede Hand trägt ihren Blumenkranz,
Und alle bringen Grüße mir vom Lande,
Feldblumen, Waldesduft und Sonnenglanz.“

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