Strauss, Walter
Von eisernen Pferden und Pfaden: Lebensbilder aus dem Reiche der Lokomotive — Hannover, 1924

Page: [78]
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DER EISERNE PFAD, WO ER ZUR RAST EINLADET.

Erneut lichten sich die Wolken, zu unseren Füßen erhebt sich die Eialle des Anhalter
Rahnhofs zu Berlin (Bild 374) mit der dreifachen Überschneidung seiner Zufahrtsgleise mit der
Hochbahn und dem Landwehrkanal (Bild XXIV) im Hintergrund. Über den bloßliegenden
Nerven gleichenden Gleissträngen des Schlesischen sowie ehemaligen Ostbahnhofs zu Berlin
(Bild375) begegnet unserem Sonnenvogel der Silberfisch der „Schwaben“; nicht lange, und vor
dem Spiegel des Alsterbeckens taucht die stolze Spitzbogenhalle des Hamburger Hauptbahnhofs
(Bild 376/77) als die weitest gespannte Bahnhofshalle Deutschlands von 73 m Stützweite auf,
um bald darauf dem schmucken Backsteinbau des benachbarten Hauptbahnhofs zu Altona
(Bild 378) Platz zu machen. Ein Durchblick durch den Tunnel der Paul-Heyse-Hasenstraße
unter sämtlichen Betriebsgleisen des Hauptbahnhofs zu München (Bild 379) oder durch das
kassetierte Kreuzgewölbe von Schalter- und Durchgangshalle des neuen Karlsruher Haupt-
bahnhofs (Bild 380) zeigen, daß es neben der Gesamtübersicht aus der Vogelschau noch andere
Mittel gibt, die Größe und Bedeutung eines modernen Bahnhofs empfinden zu können.
Ist es schon viel, wenn der meist hastig dem Ausgang zustrebende Durchschnittsreisende
einen Blick für diese Kunstbauten des eisernen Pfades übrig hat, die des eisernen Pferdes,
das ihn mit so großer Schnelligkeit pünktlich an das Ziel gebracht hat und in seinen Stallungen
nun auch der wohlverdienten Ruhe und Pflege bedarf, werden selten beachtet. Unser vordem
über Hannover (Bild 390) und Berlin (Bild 391) kreisende Sonnenvogel hat auch diese bald
teil-, bald vollringförmigen Ruhestätten des eisernen Pferdes zu entdecken gewußt, während
ein Abstecher nach Vohwinkel (Bild 388) und Bruchsal (Bild 389) eine Vorstellung von der
Inneneinrichtung und Freundlichkeit dieser schmucken Stallungen gibt.
Der freie, durch kein irdisches Hindernis gehemmte Weg, der unserem Sonnenvogel im
Ätherblau offenstand, er war dem eisernen Pferd nicht beschieden, das sich seinen Pfad oft
mühsam in hartem Kampf des Menschen mit den Elementen der Natur erst erzwingen mußte.
Stellte doch schon der Bau der Manchester—Liverpool Railway eine solche, alle heutigen Kunst-
bauten, wie Damm und Einschnitt, Brücke und Tunnel umfassende Aufgabe dar, deren erfolg-
reiche Lösung durch Stephenson in der Überschreitung des Katzenmoors und dem Durchstich
der Eelsmassen des Edge Hill und Olive Mount, in der Überbrückung des Irwell- und Shankey-
Tales und in der unterirdischen Tunneleinführung der Linie in die Stadt Liverpool um so be-
wundernswerter ist, als man über derartige Bauten wegen ihrer Neuheit noch keinerlei Er-
fahrungen besaß. Ebenso wie die mittelalterlichen Stadtmauern der späteren Ausdehnung
dieser Städte lange Zeit einen einengenden Ring entgegenstellten, so bilden auch die Häuser-
reihen der ohne Rücksicht auf die kommende Verkehrsentwicklung anfangs angelegten Städte
oft ein schwierig zu umgehendes Hindernis. Nicht selten aber entstehen durch das Hinzutreten
noch weiterer Verkehrslinien drei-, ja sogar mehrfache Kreuzungen, die, wenn sie nicht aus
dringender Notwendigkeit heraus entstanden wären, fast wie eine Laune des Zufalls erscheinen.
Neben der bereits in der Nähe des Anhalter Bahnhofs zu Berlin (Bild 374) erschauten
dreifachen Überschneidung seiner Zufahrtsgleise mit der Hochbahn und dem Landwehrkanal
(Bild XXIV), an die sich gleich ein zweites Eisenbahnwunder, die Fahrt der Hochbahn durch
die als Torhaus ausgebildete Ecke ihres eigenen Kraftwerkes in der Einfahrt zum Kreuzungs-
bahnhof Gleisdreieck anschließt, weist die Reichshauptstadt im Anschluß an die Überbrückung
des Humboldthafens eine nicht weniger interessante Überschneidung in dem „Bahnhof über
dem Bahnhof“ des Lehrter Stadt- und Eernbahnhofs (Bild 392) auf. Die Überschneidung zweier
Gleisbündel der Reichsbahn unter den Straßenbahngleisen der Balkenbrücke am Hauptbahnhof
zu Dresden (Bild 393) findet in der unter der Wallstraßenbrücke zu Ulm (Bild 397) ein ähnliches
Gegenstück, das durch seine geschickte Aufnahme, perspektivisch in der Achse des Ulmer
Münsters gesehen, noch an Reiz gewinnt. Als die verwickelteiste Kreuzung in der Einfahrt
von Bahnhöfen ist wohl der Rattenkönig von sieben Brücken über der Kleinen Reglitz bei

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