Strauss, Walter
Von eisernen Pferden und Pfaden: Lebensbilder aus dem Reiche der Lokomotive — Hannover, 1924

Page: [79]
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DER EISERNE PFAD, WIE ER TÄLER UNI) FLÜSSE REZWINGT.

Stettin (Bild 394/96) zu betrachten, dessen Mittelgruppe allein vier dreifache Überschneidungen,
aus der Kleinen Reglitz, drei unteren und zwei oberen Brücken bestehend, aufweist. Im An-
schluß an das Übersichtsbild aus der Vogelschau (Bild 394) wollen die Nahaufnahmen von
Bild 395/96 einen Einblick in die einzelnen Fadengänge des Gordischen Knotens geben.
Wenn der Bauernsohn aus Gellerts Fabel seinem Vater erzählt hätte, er habe eine Brücke
gesehen, durch die eine ganze Insel hindurchschwimmen könne (Bild 398), oder eine andere,
neben der ein Dampfer wie eine winzige Nußschale in den Wellen schaukele (Bild 399), ja sogar
eine, die das eiserne Pferd in schwindelnder Höhe wie auf riesigen Schornsteinen nicht nur
über die Wellen, sondern auch die Dächer der Uferhäuser hinwegtrage (Bild 400), dann wäre
des Vaters Warnung vor der seltsamen Lügenbrücke:
„Auf dieser Brücke liegt ein Slein,
An den stößt man, wenn man denselben Tag gelogen,
Und fällt und bricht sogleich das Bein“
ohne Erfolg gewesen. Auch seine letzte Mahnung:
„Die Brücke kommt. Fritz, Fritz! Wie wird dir’s gehen!“
hätte nichts genutzt, da, wie die Bilder 398/400 der Hellgate-, Firth of Forth- und Saltash-
Brücke beweisen, der kleine Fritz mit seiner Behauptung die Wahrheit gesprochen hätte:
„Ihr mögt mir’s glauben oder nicht,
So sag' ich's Euch und jeden ins Gesicht,
Daß ich einst eine Brücke am Forth gesehen habe,
Hart an dem Weg, wo man nach England fährt,
Neben der — ich bin nicht ehrenwert —
Wenn nicht ein Dampfer kleiner schien
Als Euer kleinstes Pferd.“ —

Wen aber möchte der Gegensatz der majestätischen Donaubrücke bei Cernavoda (Bild 401)
und den Überresten ihrer über den zweiten Donauarm, die Borcea, führenden und von den
Russen im Weltkrieg gesprengte Fortsetzung ähnlicher Bauart (Bild 402/04) nicht an den
tragischen Einsturz der schottischen Eisenbahnbrücke erinnern, der Theodor Fontane in seinem
Gedicht „Die Brück’ am Tay“ ein so unvergängliches Denkmal gesetzt hat? Doch hier waren
es nicht die Elemente, die da
,,— hassen
das Gebild von Menschenhand“,

sondern die Mensch gegen Menschen aufhetzenden Kriegsfurien, die ihr
,,When shall we three meet again?“
zur Ausführung ihres teuflischen Werkes beratschlagten.
„Hei, das gibt ein Ringelreihn,
Und die Brücke muß in den Grund hinein.“ —
„Und der Zug, der in die Brücke tritt
Um die siebente Stund’?“ —
„Ei, der muß mit.“

Statt des Sturmes wütendem Rütteln, statt der Wogen
brüllende Aufjauchzen freiwerdender Sprenggase, — ein
geweihten Eisengerippes, ein stolzes, ergebenes Neigen,

brechenden Schaumkämmen nur das
dumpfer Knall, ein Zittern des tod-
ein schmerzergrimmtes Aufbäumen,

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„Und jetzt, als oh Feuer vom Himmel fiel,
Erglüht es in niederschießender Pracht
Überm Wasser unten... Und wieder ist Nacht.“
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