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Strauss, Walter
Von eisernen Pferden und Pfaden: Lebensbilder aus dem Reiche der Lokomotive — Hannover, 1924

Page: [88]
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DER EISERNE PFAD, WIE ER TÄLER UND FLÜSSE BEZWINGT.

In ähnlicher Weise, wie bereits die einfachste Form der Betonbrücken als Platten- oder
Balkenbrücken geringer Spannweite, ob in einer einzigen Öffnung lieblich das Gesichtsfeld
umrahmend (Bild 454) oder als kontinuierlicher Träger in zusammenhängender Eisenbewehrung
über mehrere Öffnungen hinweglaufend (Bild 455), zur Verringerung des Eigengewichts und
Ersparung von Material in gleichartige, oft als Geländer ausgebildete Hauptträger mit ein-
gespannter Decke zerlegt werden, so ist auch unter den Bogenbrücken die in Bild 457 noch
in ihrer ganzen Breite massive Gewölbeschale in Bild 456 bereits in voneinander getrennte
Bogenstreifen aufgeteilt. Aus demselben Grunde sind auch die vordem noch zusammenhängenden
Massen der Auflager in einzelne Pfeiler und Säulen aufgelöst. Überhaupt bot die der Natur
des Eisenbetons eigene Beschränkung der Querschnitte bei gleichzeitiger Erhöhung der zu-
lässigen Druckspannung willkommene Gelegenheit, die im eisernen Brückenbau vorherrschenden
Bauformen des Kragbogens mit aufgehängter oder auch als Zugband ausgebildeter Fahrbahn
auf den Eisenbetonbau zu übertragen, wovon die Überführung der Kaiserstraße bei Kaisers-
lautern (Bild 458), die Hafengleisbrücke zu Odense (Bild 459) sowie die Werrabrücke in
Thüringen (Bild 460/61) einige Beispiele geben wollen.
Die vor keinem Hindernis zurückschreckende Linienführung des eisernen Pfades ließ
bald auch die Rundbogenviadukte unserer Vorväter in neuer Form entstehen: anstelle rnehr-
etagiger Ziegelsteinbogen reihen sich nunmehr eisenbewehrte Stampfbetonbogen in schwindelnder
Höhe auf wuchtig aus dem Talgrund emporschießenden Schornsteinpfeilern zu dichter Kette
aneinander, um, oft gleichzeitig in einer Kurve oder Steigung verlaufend, bald verträumte
Bacheinschnitte (Bild 466), bald blumige Wiesentäler (Bild 465) oder abgrundtiefe Wald-
schluchten (Bild 464) zu überbrücken. Wie aber ein solcher himmelstürmender Pfeiler in kurzer
Zeit aus dem Dunkel seines Talgrundes zu lichter Höhe emporwächst und das zu seinem Aufbau
nötige Knochenmark zugeführt bekommt, davon wollen die in den Bildern 462/63 festge-
haltenen Baustadien des Viaduktes über die Hubertusschlucht plaudern, während Bild 467/68
der Perollesbrücke in Fribourg (Schweiz) die Entstehung der eisenbewehrten Betonschale selbst
vor und nach ihrer Auffüllung mit Stampfbeton auf dem hölzernen Lehrgerüst veranschaulichen.
Auch der eingespannte Fachwerkbogen mit beiderseitig eingehängten Parallelträgern,
der in der Miingstener Talbrücke (Bild 422) eines der stolzesten Kunstwerke deutscher Ingenieur-
technik bildet, fand in dem neuen Baustoff des Eisenbetons zahlreiche Anwendung, um in einem
einzigen Bogenschritt den Tiefengraben in Oberösterreich im Zuge der Strecke Klaus—Agonitz
(Bild 469) oder den Sapünerbach der Schweiz im Zuge der Chur-Arosabahn (Bild 471) zu über-
schreiten. Das Rätsel, das Schiller mit den Worten:
,,Von Peilen baut sich eine Brücke
Hoch über einem grauen See;
Sie baut sich auf im Augenblicke
Und schwindelnd steigt sie in die Höh “
für den Regenbogen aufgibt, es fände auch mit dem Hinweis auf diese weitgespannteste aller
Schweizer Betonbrücken von 100 m Bogenöffnung eine treffende Lösung. Schwebt sie doch
wie ein silbergrauer Regenbogen oder wie ein aus Sonnenfäden gewobenes Glasgespinst über
den Tannenwipfeln des Sapünerbachtales, in ihrer Durchsichtigkeit einen uneingeschränkten
Ausblick auf die dahinterliegende Bergschlucht gewährend. Wer aber möchte ahnen, daß die
beiden auch in der Nähe (Bild 470) noch zierlich wirkenden, durch biegungsfeste Querriegel
miteinander verbundenen schrägen Bogenrippen in ihrem 62 m über der Talsohle liegenden
Scheitelpunkt noch 2,1 m hoch und 1 m dick sind, wenn nicht gerade der darüber befindliche
Zug der elektrischen Chur-Arosabahn einen Maßstab für die Verständlichkeit dieser Abmessungen
böte. Und doch, auch dann noch schier unheimlich schlank wirken die senkrechten Stützen
der 1 m breiten horizontalen Fahrbahn, unter denen erst die doppelten Hauptpfeiler eine etwas

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