Strauss, Walter
Von eisernen Pferden und Pfaden: Lebensbilder aus dem Reiche der Lokomotive — Hannover, 1924

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DER EISERNE PFAD, WIE ER TÄLER UND FLÜSSE BEZWINGT

beruhigendere Stärke aufweisen. Ein schärferes Hinsehen aber zeigt, daß auch diese beiden
in zwei durch eine Trennungsfuge geteilte dünne Einzelwände zerfallen, um mit Rücksicht auf
die Ausdehnungen des Eisenbetons bei Temperaturschwankungen die Fahrbahn des Haupt-
bogens wie auch der Nebenöffnungen für sich getrennt bewegen zu lassen. Überhaupt macht
die naturwilde Umgebung des Sapünerbaches und des nahen Plessurtales die aufgelöste Bau-
weise der gleichsam frei über dem eigentlichen Tragbogen schwebenden Fahrbahn zu Füßen
der eisstarrenden Bergriesen um so kühner erscheinen.
Ein nicht weniger verwegenes Bauwerk wie der Langwieser Brückenbogen der Chur-
Arosabahn (Bild 471) bildet der aus dem Gestein seiner Umgebung geborene Wiesener Viadukt
der Rhätischen Bahn (Bild 472), für dessen Gruppe der ehrwürdigen Hau- und Bruchstein-
brücken die Eigenart des Betons als druckfestes Bindemittel schon immer Verwendung fand.
Als eine der größten Steinbrücken Europas die 88 m tiefe Schlucht des wildschäumenden Land-
wassers überschreitend, wirkt der parabolische Mittelbogen von 55 m Spannweite um so gewaltiger,
da er sich nicht beiderseitig auf Widerlagern im Felsgestein abstützt, sondern auf gemauerten
Pfeilern ruht, an die sich nach Wiesen zu vier, nach Filisur zu zwei weitere Bogen von 40 m
Spannweite anschließen, so daß die in einer Kurve liegende Brücke eine Gesamtlänge von
210 m aufweist. Auch hier bietet der Gegensatz der fast zierlich die gähnende Schlucht über-
querenden Brücke zu seiner wildromantischen Umgebung einen unvergeßlichen Anblick. Wie
als Gegenstück dazu auch die einfache Flußbrücke kein trennendes, sondern im Gegenteil ein die
Landschaft aufrollendes Moment in ihrer ruhigen Linienführung darstellen kann, beweist die
über die Zschopau führende Bruchsteinbrücke bei Neudörfchen (Bild 473), ähnlich der die
ebenfalls als Gesichtsfeldbegrenzung wirkenden beiden halbelliptischen Flutöffnungen der
Stampfbetonbrücke im Zuge der Güterzugstrecke Teschwitz—Zeitz (Bild 474) die schwermütige
Vorfrühlingsstimmung der kahl in den Himmel ragenden Weidenstümpfe an den eisigen Wassern
der Elster so machtvoll zum Ausdruck bringen.
Das eigenartige Wechselspiel zwischen dem eisernen Pferd und eisernen Fisch, zwischen
Eisenbahnschiff und Schiffseisenbahn hat auch hinsichtlich der Brücke als Vermittlungsgliedes
eine nicht weniger reizvolle Parallele gefunden: während bisher das eiserne Pferd den eisernen
Fisch auf stolzen Wunderwerken oft in schwindelnder Höhe überbrückte, zeigt Bild 475/77)
die Umkehrung davon in der Überführung des Hohenzollernkanales, des Großschiffahrtsweges
Berlin—Stettin, über die viergleisige Stettiner Bahn bei Eberswalde, gleichsam als eine Erfüllung
von Paul Kellers ,,Zeitlandschaft“:

,,Auf der Brücke fahren keine Wagen,
Denn kristaH’nes Wasser geht dort oben,
Dessen fromme Eint die Schiffer loben.

Unten auf des Tales Sohle
Schnurrt der Wagen lange Reihe,
Hundert unruhvolle Herzen tragend,
Straff von Nord nach Süd mit Vogelsschnelle:
Drüber streicht das Fischlein durch die Welle.
Langsam wie ein Schwan mit weißem Segel,
Herrlich auf des Himmels blauem Grunde
Oben fährt ein Schiff von Ost nach Westen;
Ruhvoll lehnt der Schiffer an dem Steuer:
Ist das nicht ein schönes Abenteuer?“
Wo aber jegliches Verbindungsgleis in Gestalt von Brücke oder Schiff fehlt, da ist es die Bau-
meisterin Natur, die mit des Winters grimmiger Kälte dem eisernen Pfad eine eisige Brücke

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