Strauss, Walter
Von eisernen Pferden und Pfaden: Lebensbilder aus dem Reiche der Lokomotive — Hannover, 1924

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DER EISERNE PFAD, WIE ER DIE BERGE BEZWINGT.

über den Baikalsee bereitet. Eine noch innigere Berührung von Wasser und Bahn zeigt die
Fahrt der Pferde-Yerbindungsbahn der Insel Langeoog nach der Landungsbrücke über das
Wattenmeer (Bild 478), während das eiserne Pferd selbst nur ungern und dann nur unfreiwillig
ein solches kühles Bad gelegentlich einer Überschwemmung seines eisernen Pfades nimmt.
Während die Kunstbauten der Brücken dem Beschauer ohne weiteres die Vorstellung
ihrer Größe und von dem Triumph menschlichen Geistes über die Gewalten der Natur zum
Bewußtsein bringen, wird dieser Kampf des Menschen mit dem Berge bei den Kunstwerken
der Tunnels immer im Schoße der Felsen verborgen bleiben, denn der kleinste wie auch der
längste Tunnel werden rein äußerlich in ihren beiden Stollenmündungen für den Laien eben
stets nur ein einfaches — Loch darstellen. Um so verwunderlicher erscheint dieses Loch, wenn
das seine Notwendigkeit begründende Hindernis des Gebirges vollständig fehlt (Bild 4/9).
Und fürwahr, auch der im Innern dieses scheinbar gebirgslosen Flachlandtunnels (Bild 480)
stehende Beschauer wird nicht ohne weiteres ahnen, daß er sich hier in der Mitte eines Ent-
seuchungskessels für Eisenbahn-Personenwagen befindet und die Passagiere des an der Mündung
zur Einfahrt bereitstehenden Schlafwagens — sechsbeiniger Natur sind. Von der Firma Julius
Pintsch A.-G., Berlin, entworfen und erstmalig in der vorzugsweise mit der Unterhaltung
von Salon-, Schlaf- und D-Zugwagen betrauten Hauptwerkstätte zu Potsdam zur Aufstellung
gelangt, dient dieser zur Abtötung von eingenistetem Ungeziefer erbaute Apparat auch noch
als Trockenraum für verschiedene Zwecke. Durchnäßte Fußböden von Speise- und Küchen-
wagen, infolge Frostschäden und Undichtigkeiten der Warmwasserheizung aufgeweichte Doppel-
böden der Salon- und Schlafwagen oder durch Dachschäden am Oberlichtaufbau feuchtge-
wordene Wagendächer können hier zusammen mit gewaschenen Polstermöbeln oder jungem
Nutzholz unter Vermeidung tagelanger Aufstellung in den wärmsten Räumen der Lackiererei
in kürzester Zeit ausgetrocknet werden.
Für den Hauptzweck der Abtötung von Ungeziefer, die infolge des internationalen Verkehrs
insbesondere mit Rußland zur dringenden Notwendigkeit wurde, tritt zu der Erwärmung des
Gesamten Raumes auf 40—50 Grad Celsius noch eine Luftverdünnung von 700—740 mm Queck-

silbersäule, da, wie die Vorversuche ergaben, weder Wärme noch Vacuum, sondern erst das
Zusammenwirken beider Zustände eine sichere Gewähr für die völlige Vernichtung des Un-
geziefers gaben. Infolge der erwähnten Luftverdünnung siedet das Wasser bereits bei 40 Grad
Celsius, so daß dem Ungeziefer alle Flüssigkeit entzogen wird, anderseits die äußere Lackierung
wie auch die innere Politur der Wagen keinen Schaden erleidet. Während vordem die gesamte
Inneneinrichtung wie Wagenpolster, Lederteile, ja sogar die Holzleisten der Wandbekleidungen
auseinandergenommen werden mußten und, abgesehen von den hierdurch entstehenden Be-
schädigungen, Kosten und Zeitverlusten, noch die Gefahr bestand, daß das Ungeziefer auch
noch auf die Werkstatträume und andere Wagen übertragen wurde, ist hier bei gleichzeitiger
Verdampfung von Formalin eine in die l iefe gehende gründliche Desinfektion erreicht worden.
Kann auch an dieser Stelle auf technische Einzelheiten nicht näher eingegangen werden,
so wollen die Bilder 479/80 das Prinzip einer solchen Anlage erläutern: gußeiserne Kessel-
schüsse, die in 15 der Wärmeausdehnung halber auf Rollen verschiebbaren Tragringen gehalten
werden, bilden einen etwa 23 m langen Tunnel von 5 m Durchmesser mit fester Rückwand und
als beweglichen Verschlußdeckel ausgebildeter Vorderwand, die, ohne Hebung oder Senkung,
in einem auf ein Drehlager auf der Kesselmitte sich radial abstützendes Bockgerüst ausgefahren
werden kann. Ein Rohrsystem von 1960 m Länge und 210 qm Gesamtheizfläche bedeckt in
Halbringform die Innenwände und ist an der Decke an das gemeinschaftliche Frischdampfrohr,
am Fußboden an die Kondensationsleitung angeschlossen. Unter dem Gitterblech zwischen
den Gleisen befindet sich das Verdampfungsbecken für Formalin, während die über den seit-
lichen Laufbrettern angebrachten und in entgegengesetzter Richtung laufenden Ventilatoren

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