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Strauss, Walter
Von eisernen Pferden und Pfaden: Lebensbilder aus dem Reiche der Lokomotive — Hannover, 1924

Page: [91]
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DER EISERNE PFAD, WIE ER DIE BERGE BEZWINGT.

für eine innige Rerührung der bewegten Luft mit dem Heizrohrsystem sorgen. Die einen be-
deutenden Fortschritt auf dem Gebiete der Verhütung und Bekämpfung ansteckender Krank-
heiten im Eisenbahnverkehr darstellende Anlage hat sich vor allem in der Kriegszeit in jeder
Weise bewährt, da auch die in den kleinsten Ritzen eingenistete Ungezieferbrut vollständig
abgetötet wurde.
Während der durch Potsdam fahrende Reisende über den scheinbar gebirgslosen Tunnel
(Bild 479/80) verwundert nachdenkt, wird dem in Stuttgart einfahrenden, aufmerksamen
Beobachter in dem künstlichen Betongebirge an der Brauerei zum Englischen Garten (Bild
481/91) ein neues Rätsel des eisernen Pfades aufgegeben. Das sagenhafte Labyrinth auf Kreta
scheint hier neu erstanden zu sein, denn ein schier wahlloses Durcheinander von Gängen und
Tunnels, Überführungen und Unterschneidungen, von Trögen und trügerisch im Sonnenlicht
aufblitzenden Ausgängen, hinter denen sich in Wirklichkeit neue Tunnelschlünde auftun, sind
es, die der Minotaurus unserer Neuzeit, das eiserne Pferd, mit unverminderter Schnelligkeit
durchfährt.
Ein Blick auf die verschiedenen Baustadien (Bild 482/84 und 488/89) des künstlichen
Betongebirges lassen ohne weiteres die gewaltigen Umwälzungen erkennen, die zur Durch-
führung des kühnen Bauwerkes erforderlich waren, während auch nach seiner Fertigstellung
und Einbettung in die seitlichen Böschungsdämme das gleichsam das Nervensystem des Stutt-
garter Hauptbahnhofs darstellende Kunstwerk immer noch verwirrend genug erscheint. Eine
Fahrt auf dem Cannstatter Fern- wie auch Vorortgleis als dem Faden der Ariadne läßt den
Zweck des modernen Labyrinthes in der Vermeidung schienengleicher Kreuzungen, wie er in
dem ehemaligen Gleisdreieck der Berliner Hoch- und Untergrundbahnen bereits früher schon
einmal zum Ausdruck kam, praktisch erkennen; einen Gesamtüberblick über die in drei ver-
schiedenen Höhenlagen und zugleich auch Richtungen von Cannstatt, Eeuerbach-Böblingen
und vom Abstellbahnhof im Stuttgarter Hauptbahnhof ankommenden Gleisbündel will das
Modell in Bild 481 geben.
Das Bauwerk I schluckt mit seinem tunnelartigen Ausläufer (Bild 485 links) unter dem
vom Abstellbahnhof sich herabsenkenden Verkehrsgleisen das Ferngleis von Cannstatt auf
und führt es zwischen diesen in einem tiefer liegenden Trog (Bild 486 hinter dem Schwellen-
stapel) durch das Mittelportal einer dreifachen Tunnelgruppe (Bild 487) unter den Ferngleisen
von und nach Eeuerbach hinweg dem Stuttgarter Hauptbahnhof zu. In ähnlicher Weise wird
auch das Vorortgleis von und nach Cannstatt von dem Bauwerk III (Bild 485 Mitte) unter den
Verkehrsgleisen aufgenommen, trogartig weitergeführt (Bild 486 hinter dem Zwergsignal)
und durch das Mittelportal der dreifachen Tunnelgruppe von Bauwerk II unter den Feuer-
bacher Ferngleisen hindurchgeleitet. An dem Zusammenschluß von Bauwerk I und II (Bild
486/87) ergibt sich daher eine Front von zweimal drei Tunnelportalen, von denen jeweilig das
mittlere Gleis tiefer als die benachbarten liegt, jedoch mit diesen auf dem rückseitigen Ausgang
■—Bild 490 zeigt den des Bauwerkes II von Bild 486/87 rechts— mit Rücksicht auf den nicht
mehr unfernen Bahnhof bereits gleiche Höhe eingenommen haben. An die „blitzende Nacht“
Peter Roseggers, wie er die Weinzettelgalerie der Semmeringbahn (Bild 601) nennt, erinnert
unwillkürlich der Blick in die durch Rundbogenfenster seitlich durchbrochenen Tunnelgänge
(Bild 491) des äußersten rechten Tunnels in Bild 490, dessen im Hintergrund aufleuchtende
Mündung auf der Cannstatter Seite das gleislose Portal in Bild 486 ist, über dem sich in Bild 487
gerade die Lokomotive des auf den Feuerbacher Ferngleisen ausfahrenden D-Zuges sich befindet.
Die von der Firma Wayß & Freytag A.-G., Stuttgarter Niederlassung, ausgeführten
Kunstbauten, die auf Grund einer wohldurchdachten Einrichtung der Baustelle statt in den
vorgesehenen 32 Monaten bereits zehn Monate früher vollendet wurden, bilden ein in der Ge-
schichte des modernen Eisenbahnwesens neuartiges Bauwerk, das auf Grund seiner mannig-

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