Strauss, Walter
Von eisernen Pferden und Pfaden: Lebensbilder aus dem Reiche der Lokomotive — Hannover, 1924

Seite: [101]
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I

ALPENBAHNEN: LÖTSCHBERGBAHN.

bevorzugen läßt, wird bei der Lötschbergbahn das für technische Schönheit empfindsame
Auge zu beiden Seiten des Scheiteltunnels ein gleich wundersames Schauspiel menschlicher
Ingenieurkunst erleben. Was für den nördlichen Anstieg Bern—Kandersteg der Abschnitt
Frutigen—Kandersteg als ein Ernstfeld—Göschenen für den Gotthardfahrer bedeutet, erweist
sich auf der Südrampe Goppenstein—Brig als ein Anklang an die kühnen Viadukte der Rhä-
tischen und Chur-Arosabahn der Abstieg zum Rhonetal zwischen Hohlen und Bälden.
In ihrem ganzen Aufbau der Linienführung der Gotthardstrecke bei Wassen sehr ähnelnd,
bilden die Schleifen der Südrampe bei Station Blausee—Mitholz den Mittelpunkt des eisen-
bahntechnischen Interesses. Gleichsam, als wolle der Ingenieur dem Reisenden die Gelegenheit
bieten, so recht innig die Schönheiten des Kandertales nach allen Seiten hin in sich aufzu-
nehmen, erklimmt hier der eiserne Pfad die senkrechte Wand des Bühlstutzes in drei Stufen,
die durch zwei Kehren, darunter eine als Tunnel ausgebildete, miteinander verbunden sind
(Bild 513). Der trutzig oberhalb der Station Blausee-Mitholz emporragende Ruinenturm
der Felsenburg, deren Bergwand von der untersten Bahnstufe zweimal, von der mittleren
einmal durchbohrt wird (Bild 514) und auf ihrem Rücken die oberste Stufe trägt, gibt angesichts
des zweimaligen Richtungswechsels der Trasse im Augenblick Klarheit über die jeweilige Lage
des Zuges, während das Blauseeli, das der Station Blausee-Mitholz den Namen verlieh, ganz
hinter schweigenden Tannen versteckt, nur zu dem Reisenden der obersten Stufe für kurze Zeit
sein tiefklares Auge aufschlägt.
Von der wie ein beständiger Wegweiser in der Bildmitte emporragenden Ruine Felsenburg
und ihren drei Tunnels will die Nahaufnahme Bild 514 eine anschauliche Vorstellung geben:
der zu Tal fahrende Zug befindet sich gerade auf der untersten Stufe; er hat soeben, von der
offenen Schleife zur Rechten herkommend, den Felsenburgtunnel II durchfahren, befindet sich
mit seinem mittleren Teil noch im Felsenburgtunnel I und wird im nächsten Augenblick zu Füßen
des Felsenburg-Viaduktes der Mittelstufe sich im Fürtentunnel I unseren Blicken entziehen
und, in dessen Nordportal in Bild 513 auftauchend, nach Kandersteg hinunterbrausen. Wir
aber folgen dem eisernen Pfad aufwärts, der nach Westen ausholenden und sich dem Kander-
bett nähernden offenen Schleife entlang, an deren oberen, in die Mittelstufe in entgegengesetzter
Fahrtrichtung einmündenden Kurvenende wir in der Station Blausee-Mitholz die Lokomotive
des Berggüterzuges besteigen, der hier auf dem Ausweichgleis wartet (Bild 517), bis der vor
ihm im Südportal des Felsenburgtunnels III (Bild 515) erscheinende Versuchszug in die Station
eingelaufen ist (Bild 516).
Unterdessen haben wir Gelegenheit, uns dem Oberbau und der für Schweizer Verhältnisse
erstmalig angewandten englischen Doppelkopfschiene zuzuwenden, die, im Gegensatz zu der
direkt auf die Schwellen genagelten Breitfuß-Vignolschiene, in besonderen Stühlen ruht und
daselbst vermittelst geteerter Holzkeile festgeklemmt ist, so daß sie nach deren Herausschlagen
und Lösung der Schienstöße ohne weiteres ausgewechselt werden kann, d. h. ein umständliches
Nageln nicht erforderlich ist. Kaum bleibt uns Zeit, noch einen Blick auf den inzwischen näher
gekommenen Versuchszug (Bild 516) zu werfen, da zieht auch unser eisernes Pferd an, um bald
darauf, mit der Richtung nach Kandersteg zu Füßen der Felsenburgruine in dem gleichnamigen
Felsenburgtunnel III unterzutauchen. Würden wir uns jedoch rasch noch einmal auf den
Standpunkt von Bild 514 zurückversetzen, so könnten wir uns im nächsten Augenblick aus dem
Nordportal des Felsenburgtunnels III auf der Mittelstufe heraustreten und den anschließenden
Felsenburgviadukt überschreiten sehen, während der auf der Unterstufe zu Tal rollende D-Zug
jetzt der Versuchszug wäre, den wir vorhin in der Station Blausee-Mitholz an uns vorüber-
gelassen haben. Und wenn wir hinter dem Fürtenviadukt und Fürtentunnel II (Bild 513) im
großen Kehrtunnel von 1645 m Länge zur Oberstufe emporklimmend und hierauf nach Passieren
des Ronenswald-Viaduktes und gleichnamigen Tunnels I (Bild 513) und II zum dritten Male,

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