Strauss, Walter
Von eisernen Pferden und Pfaden: Lebensbilder aus dem Reiche der Lokomotive — Hannover, 1924

Page: [103]
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ALPENBAHNEN: LÜTSCHBERGBAHN.

das aufmerksame Auge an
Wasserlei tu ngen (Suo nen),
Kultureinrichtung bilden,

den schroffen Felswänden schwebende Holzrinnen, ein Stück jener
die auch heute noch eine dem so wasserarmen Wallis eigentümliche
denn

wenn des Sommers Hitze drängt,
Genügen Tau und selt’ner Regen
Nicht mehr zu des Gedeihens Segen,
Und traurig wird der Grund versenkt.“
Leo Boten.

„An heiligen Wassern“, jener so tiefempfundene Bergroman Carl Heers, wird wieder vor unseren
Augen lebendig, und mit ihm all’ die unzähligen Opfer, die das Einsetzen neuer Baumrinnen
und das Ausbessern der alten Chännils im Laufe der Jahrzehnte forderte.
Doch wie auch hier die modernen Wasserkraftanlagen der Elektrizitätszentralen mit
ihren typischen, oberhalb der Talschluchten unter geringem Gefälle im Felsen geführten Wasser-
haltungen Wandel schufen und zum Vorbild für die Umleitung der gefährlichen Stellen der
Wasserleitungen innerhalb der Felsen wurden, so hat der anfangs dem eisernen Pfad feindlich
entgegenstehende Walliser in dankbarer Erkenntnis sich auch diesem Fortschritt der Technik
erschlossen, so daß die Eröffnung der Lötschbergbahn am 28. Juli 1913 längs der ganzen Strecke
mit großem Prunk gefeiert wurde. A1F die anschaulichen Erinnerungen, die uns aus den Ge-
mälden von den Kindheitstagen eines englischen Stockton-Darlington 1825 (Bild 91) oder
eines bayerischen Nürnberg—Fürth 1835 (Bild 92 und 215) so packend entgegentreten, werden
wieder lebendig, wenn G. Stebler in seiner Schrift von den ,,Sonnigen Halden am Lötschberg“
von der Geburtsstunde der Lötschbergbahn anmutig plaudert:
,,In Goppenstein war fast die ganze Bevölkerung des Loetschtales versammelt, die Männer
in der Uniform der großen Feste —roter Frack, weiße Hose, Bärenmütze mit Federbusch oder
Militärkäppi. So stand die Mannschaft in Paradestellung mit schulterndem Gewehr zum Empfang
der fremden Gäste am Bahnhof, während die Töchter in ihrer malerischen Tracht Sträuße von
Alpenblumen verteilten. Ein fast noch intimerer Empfang wurde den Gästen in Außerberg
bereitet. Der Zug wollte zwar vorübersausen, da die Zeit zu einem Halt zu knapp bemessen
war. Die Außerberger hätten es aber der Lötschbergbahn übel vermerkt, wenn sie den Festzug
nicht hätten begrüßen dürfen. So wurde deshalb entschieden, daß der letzte Zug einen Halt
mache. Die ganze Bevölkerung zog unter der Leitung des jungen Pfarrherrn an die Bahn, an
der Spitze die Fahnenträger in Bärenmütze, hierauf die Musik, bestehend aus zwei Trommlern
und drei Pfeifern, dann folgten die Dorfschönen im Festgewand mit dem schönsten gestickten
Seidenband auf dem Hut, und zum Schluß das übrige Volk. An der Bahn kredenzten die
Festjungfern den Gästen aus alten Zinnkannen ein Glas Lafnetscherweins, ein ureigenstes
Landesgewächs. Etwas Heimligeres kann man sich kaum vorstellen, als dieses Festgewoge
inmitten der großartigen Alpenwelt. So ist denn auch der Walliser versöhnt mit der
Lötschbergbahn, und zwar mit Recht, denn für ihn ist sie ja von größtem Segen.“
Was könnte das Walten dieses Segens, den der eiserne Pfad in die Lande trug, besser
erkennen lassen als eine Fahrt mit der Gotthardbahn als der ältesten Schweizer Alpenlinie,
deren Trassenführung bei Wassen (Bild 535/36) das Vorbild für so viele ihrer Nachfolgerinnen
und somit auch der Lötschbergbahn bei Blausee-Mitholz (Bild 513/14) wurde. Künstliche
Linienentwickelung in Schleifen- und Kehrtunnels -— dies ist das Stichwort, das der allseits
gern gehörte und oft mit einem frohen Ausdruck der Bewunderung begleitete Bahnnamen
der Gotthardstrecke in dem Ingenieur wachruft. In der Erinnerung des Dichters aber taucht
ein schmuckes Kirchlein auf,
,»Drohen stehet die Kapelle,
Schauet still ins Tal hinab,
Drunten singt bei Wies’ und Quelle
Froh und hell der Hirtenknab’“,

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