Strauss, Walter
Von eisernen Pferden und Pfaden: Lebensbilder aus dem Reiche der Lokomotive — Hannover, 1924

Page: [105]
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ALPENBAHNEN: GO FI HARI)BAHN.

Ein Abschiedsblick Reuß aufwärts nach der Schöllenenschlucht zu, die in dem tiefen Ernst
ihrer vegitationslosen Felswände unwillkürlich an Dantes Worte:
,,Lasciate ogni speranza, voi ch’ entrate“,
,,Laßt, die ihr eingeht, alle Hoffnung draußen“,
erinnert, belehrt uns, daß auch hier der Ingenieur nicht vor der Pietät der alten Postkutsche
zurückgeschreckt ist. Wie oft hatte diese, von schnaubendem Vierergespann gezogen und auf
kühnem Bogen der Teufelsbrücke die aufbrüllende Reuß überschreitend (Bild 544), die Reisenden
nach dem lieblichen Andermatt gebracht oder über die Gotthardpaßhöhe die Schlangen Win-
dungen des lawinenreichen Val Tremola nach Airolo, wo sich heute die Südmündung des Gott-
hardtunnels (Bild 547) befindet, hinabgeführt, dem sonnigen Süden zu,
„wo die Zitronen blühn,
Im dunklen Laub die Goldorangen glühn,
Ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht,
Die Myrte still und hoch der Lorbeer steht.“
Auch hier hat der eiserne Pfad heute sein Vorrecht geltend gemacht und durch die elektrische
Schöllenenbahn (Bild 541/46) Göschenen mit Andermatt, d. h. die Gotthardbahn mit der
Furkabahn und dadurch mit der Lötschberg-Simplon und Rhätischen Bahn verbunden,
auf diese Weise eine Querlinie zwischen Rhone, Reuß und Rhein, zwischen Brig, Andermatt
und Disentis herstellend.
Doch ob an den einladenden Ufern des Vierwaldstättersees bei Sisikon (Bild 531) oder
Flüelen (Bild 532) entlangeilend oder ob zwischen Melide (Bild 552) und Bissone auf zierlichem
Damm den Luganersee (Bild 551) durchquerend, ob dem Lauf des munteren Tessins von Airolo
ab folgend (Bild 548/50) oder der unbändigen Reuß sich entgegenwindend und sie im Viadukt
bei Amsteg (Bild 533/34) oder Göschenen (Bild 539) oder ihre Nebenbäche bei Wassen (Bild
535/38) überschreitend, so überwältigend und wechselvoli sind die Eindrücke, daß auch der
dem Eisenbahnwesen noch so gleichgültig Gegenüberstehende seine Anerkennung über diese
Wunderwerke der Technik nicht versagen kann.
Die wildschäumende Reuß, die so oft unseren Weg gekreuzt, sie wurde nicht allein durch
zahlreiche Brücken und Viadukte bezwungen, sondern auch durch die Schaufelräder der Pelton-
turbinen zur Arbeitsleistung mit herangezogen. Das wohlbeleibte Mönchlein, das da einst
mit der hübschen Älplerin im Arm sich mit dem Sprung über die Reuß zugleich über alle klöster-
lichen Regeln hinwegsetzte und nach der Sage dieser Stelle den heutigen Namen ,,Pfaffen-
sprung“ verlieh, es wäre sicher sehr erstaunt, hier nach Jahrzehnten einen nicht ohne weiteres
mehr überspringbaren See vorzufinden, dessen Stauwasser sich mit ungeheurem Tosen in die
Tiefe stürzen (Bild 553), daß
,,Es wallet und siedet und brauset und zischt,
Wie wenn Wasser mit Feuer sich mengt,
Bis zum Himmel spritzet der dampfende Gischt,
Und Well’ auf Well’ sich ohn’ Ende drängt,
Und wie mit des fernen Donners Getöse
Entstürzt es brüllend dem finstern Schoße.“
Das Gefälle der Reuß vom Pfaffensprung bis Amsteg ausnutzend, wird das Stauwasser durch
einen oberhalb des Tales verlaufenden Druckstollen in ein vollständig in Felsen gesprengtes
und als Ausgleichbehälter dienendes Wasserschloß oberhalb Amsteg geleitet und von dort
durch drei Rohrstränge (Bild 554) auf gemauerten Fundamenten über die Bahnlinie hinweg
dem Turbinenwerk zugeführt.
Während das Kraftwerk in Ritom (Bild 555) im Sommer stillliegt, um mit Rücksicht
auf das Niedrigwasser der Reuß im Winter seinen Wasserzufluß für diese Zeit im Ritomsee

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