Strauss, Walter
Von eisernen Pferden und Pfaden: Lebensbilder aus dem Reiche der Lokomotive — Hannover, 1924

Page: [106]
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ALPENHAHNEN: RHÄTISCHE BAHN.

aufzuspeichern, liefert das Kraftwerk Amsteg (Bild 554) allein im Sommer die gesamte Energie
von 82 000 Pferdestärken. Ein Blick in den Maschinenraum (Bild 556), in dem sich die riesigen
Einphasengeneratoren wie kuglige Igel zusammenrollen und die Peltonturbinen ganz im Gegen-
satz zu ihrem inneren Wirbel mit ihrem unbeweglichen Gehäuse wie kriechende Schnecken
erscheinen, oder ein Blick auf den im Kran hängenden Transformatorkern (Bild 557) möge mit
dem Hinweis auf die zu beherzigenden Worte von Baurat Dr.-lng. Metzeltin anläßlich der Taufe
der 10 OOOsten Maschine der Hanomag (Seite 27/28) erkennen lassen, daß mit der rauchlos
dahinfahrenden elektrischen Lokomotive es allein nicht getan ist und gewaltige umfangreiche
Anlagen, meist dem Auge des Reisenden sich entziehend, notwendig waren, um die hier hin-
sichtlich der Ausnutzung der weißen Kohle und der Beseitigung der Rauchplage in den zahl-
reichen Tunnels wohlberechtigte Elektrifikation durchzuführen.
Schon rein äußerlich durch die Querlinie der Furkabahn mit der Simplon- und Gotthard-
bahn verbunden und in dieser „Trilogie“ zu einer Sonderstellung erhoben, kann man die Rhätische
Bahn und in ihrer Verlängerung die Berninbahn mit Recht als die kleine Gotthardbahn be-
zeichnen. Nicht allein mit Bezug auf ihre schmälere Spurweite von nur 1 m, sondern vor allem
auch infolge des engeren Zusammendrängens aller bei der Gotthardbahn auf eine längere Strecke
verteilten Reize auf kleineren Raum.

„Die Rhätische Bahn gehört zu den ganz wenigen Bahnlinien der Welt, die nicht nur
des Zieles wegen, sondern auch um ihrer selbst willen befahren werden,“
mit diesen knappen Worten charakterisiert H. Behrmann im Eingang seines Reiseführers
treffend das Eigenartige, das bei dieser zu den jüngeren Bahnlinien zählenden Alpenüber-
querung besonders ins Auge fällt und sie vom reinen Beförderungsmittel zu einem der Er-
holung gewidmeten Schaustück umwandelt. Wie sehr daher das „Schauen“ oft das „Fahren“
überwiegt, dafür spricht Behrmanns eigene Erfahrung:
„Ich schäme mich nicht, zu bekennen, daß ich, obwohl für Naturschönheit ungemein
empfänglich, mich auf der Fahrt im Albulatale und anderwärts häufig genug durch die
Einzelheiten der Bahnanlage selbst von dem herrlichen Landschaftsbild ablenken lasse.“

Der technische Reisezauber ist es daher, der auch uns gefangenhält und gar manche
Parallele zur Gotthardbahn, oft diese noch übertreffende Momente erkennen läßt. Was bei der
Gotthardlinie das Meisterwerk Louis Favres in dem zweitlängsten Alpendurchstich, das be-
deutet für die Rhätische Bahn der 5865 m lange Albulatuimel unter den Giumels zwischen
Preda und Spinas als der längste und zugleich höchste bisher ausgeführte Schmalspurtunnel,
wie denn die Rhätische Bahn in dem Gegensatz ihrer vordem nur bei den verspotteten
Sekundärbahnen bekannten Meterspur zu ihrer einer vollspurigen Bahn gleichkommenden
Leistungsfähigkeit mit Recht ein nachahmenswertes Musterbeispiel darstellt und daher auch als
die einzige Schmalspurbahn zu den internationalen Fahrplankonferenzen mit herangezogen wird.
An die Linienentwickelung bei Wassen (Bild 535/36) und ihr italienisches Gegenstück
bei Faido und Giornico (Bild 549/50) erinnert das Spiel der Kehrtunnels und Schleifen zwischen
Bergtin und Preda (Bild 571), die, wenn auch zierlicher in der Ausführung, den schwereren,
zweigleisigen Massivbauten der Gotthardbahn gegenüber an nichts nachstehen, ja, diese
in ihrer Zusammenfassung auf kurzer Talstrecke und dem Hinzutreten einer Kette von
\ iadukten noch weit überholen. Da hier die Talsohle nur 6,5 km aufweist, bei einer zahnradlosen
Steigung von 35 % jedoch annähernd die doppelte Länge nötig war, mußte zur künstlichen
Linienentwickelung geschritten werden. Die Rolle des Kirchleins von Wassen vertritt hierbei
als einzig beständiger Orientierungspunkt das freundlich oberhalb Bergüns herabgrüßende
Dörfchen Latsch (Bild 571, Hintergrund), das daher in verschiedenen Höhenlagen in stetem
M echsel bald greifbar nahe, bald fern entrückt, bald links, bald rechts vom Beschauer

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