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Strauss, Walter
Von eisernen Pferden und Pfaden: Lebensbilder aus dem Reiche der Lokomotive — Hannover, 1924

Page: [107]
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ALPENBAHNEN: RHÄTISCHE BAHN.

auftaucht, um immer tiefer sinkend, hinter dem Zuondra-Kehrtunnel (Bild 571, rechts), wo
die Strecke bereits ihre größte Höhe erreicht hat, den Blicken ganz zu entschwinden.
Welch’ ein Anblick von überwältigender Schönheit aber bietet sich dem Auge des Be-
schauers, wenn er, auf die soeben durchfahrene Strecke zurückblickend, zu seinen Füßen den
eisernen Pfad in vierfacher Stufe sich entwickeln sieht und bis zum ersten Albula-Viadukt
zurückverfolgen kann, während das sich immer weiter öffnende Tal den Schienenstrang vor
den ersten Häusern Bergüns noch einmal in dreifacher Stufenentwickelung sichtbar werden läßt.
„Und keiner ist verächtlich und schwach genug,
Daß nicht auch ihn aufrüttelnd ein Stolz durchzuckt,
Wenn durchs Gebirg’ auf dröhnender Bahn der Zug
Hinstürmt von Viadukt zu Viadukt.
Denn hier hat Menschenarbeit Bogen an Bogen
Triumphbogen durch die Natur gezogen,“
diese Worte R. Dehmels, einst mit Begeisterung beim Anblick der Eisenbahnbrücken zu Potenza
ausgesprochen, haben hier nunmehr einen noch würdigeren Vorwurf gefunden.
Unterhalb des fünfbogigen Rugnux-Viaduktes am Berghang zur Linken ist, wenn auch
teilweise hinter Tannenwipfeln versteckt, doch mit zwei Öffnungen der erste Albula-Viadukt
zu erkennen, hinter dem die Bahn in den Rugnux-Kehrtunnel eintritt und, nach dessen Ver-
lassen gleichsam ein Stockwerk höher den Rugnux-Viadukt und bald darauf den zweiten Albula-
Viadukt auf fünf Bogen überschreitend, zu Füßen des dritten Albula-Viaduktes im Toua-Kehr-
tunnel den Blicken entschwindet. Auf diese Weise sich zur dritten Stufe emporwindend, kommt
der Schienenstrang erst kurz vor dem achtbogigen dritten Albula-Viadukt wieder an das Tages-
licht, wo sich nun eine um den Beschauer herumgreifende offene Schleife anschließt und, zum
vierten Male die Albula im Rücken des Beschauers überquerend, in der Nacht des Zuondra-
Kehrtunnels die rechts oben im Bilde sichtbare, höchste Stufe erklimmt. Gerade das Anein-
anderreihen der durch Kehrtunnels getrennten Viadukte, die hier nicht wie bei Wassen das
Seitental der Maienreuß mehrfach überschreiten, sondern den Bildner des Haupttales selbst,
die Albula, in wechselseitiger Ausnutzung beider Talwände viermal überqueren, das sind
Momente, die im Anschluß an die kurz vorher zwischen dem God- und Plaz-Tunnel verlaufende
dreifache Stufenentwickelung in dieser gedrängten Zusammenfassung die im Gegensatz dazu
auf Ab- und Anstieg verteilte und durch den Gotthardtunnel getrennte Schleifenentwickelung
der Gotthardbahn noch über treffen.
Wer aber dächte, noch weiter talabwärtsgehend, nicht an das Zwillingspaar des Schmitten-
tobel- (Bild 568/69) und Landwasser-Viaduktes (Bild 569/70), welch’ letzterer, noch dazu
in einer der engsten Kurven der Albulalinie von nur 100 m Krümmungshalbmesser und in
einer Steigung von 20 % liegend, in 65 m Höhe das tosende Landwasser auf sechs kühnen
Bogen von 20 m Spannweite überbrückt und, vom Schmittentobel-Viadukt durch den kleinen
Saglains-Tunnel getrennt (Bild 570), mit dem anderen Ende in den Landwasser- runnel hinein-
läuft. Noch ist es nicht allzulange her, daß das eiserne Dampfroß auf seinem Rücken nach
Filisur hinaufkeuchte:

„Mit zornig zischendem Gebraus
Jäh schnob’s den hohen Bahndamm her.
Der Schlot warf Wolken weit heraus,
In dunkle Nacht ein dämmernd Meer.
Wildschäumend schleuderte der Zug
Zurück den Qualm, zurück die Qual,
Die Lasten, die er vorwärts trug,
Erschütterten das stille Tal.

Auf einmal atmet der Koloß
Mit siegesstolzer Sicherheit,
Erhaben saust das Riesenroß,
Vom Überschuß der Kraft befreit.
Fern glüht der Augen grüner Brand;
Durch finst’rer Tunnel Rauch und Ruß
Führt nach der Schönheit Sonnenland
Den Zug der Zeit sein Genius.
Karl H e n c. k eil,
„Viadukp4.

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