Strauss, Walter
Von eisernen Pferden und Pfaden: Lebensbilder aus dem Reiche der Lokomotive — Hannover, 1924

Page: [108]
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ALPENBAHNEN: RHÄTISCHE BAHN.

Wie dem auch sei, ob mit des Dampfes Spannkraft oder des Stromes Funken das hohe Seitental
bezwingend, hier hat der menschliche Geist ein Werk geschaffen, das in seiner Erhabenheit
und doch zugleich Lieblichkeit gleichsam ein neues Eingangstor in das Märchenreich der Hoch-
gebirgswelt bildet, durch das man goldrandblitzende Haufenwolken sich in weißem Brautgewand
mit der Berge Schneehalden vermählen sieht (Bild 570). Der gigantische Schlagschatten auf
die Rutschhalden malende und den Tasna- mit dem Braigla-Tunnel verbindende Val Püzza-
Viadukt unterhalb Fetan (Bild 575) oder der den Ausgang des lawinengefährlichen Sulsanna-
Tales überbrückende Sulsanna-Viadukt (Bild 572) bei Capelia geben zu verstehen, daß auch
der dem breiteren Inntale folgende Streckenabschnitt Bevers—Schuls/Tarasp reich an
eisenbahntechnischen Kunstbauten ist.
Neben den von schlanken Säulenpfeilern getragenen Rundbogenviadukten herrscht
der oft malerisch dem Landschaftsbilde sich einschmiegende steinerne Brückenbogen vor.
Ist es doch ein besonderer Stolz der Rhätischen Bahn, in dem bereits in Bild 470/72 dem
Langwieser Viadukt der Chur-Arosabahn gegenübergestellten Wiesener Viadukt (Bild 561)
der Strecke Davos—Filisur eine der bedeutendsten Quadersteinbrücken Europas von 210 m
Länge, 55 m Spannweite und 88 m Höhe ihr eigen nennen zu dürfen, der an Kühnheit nur noch
die zwar etwas kürzere, jedoch ein Meter höherliegende Solisbrücke (Bild 566/67) über der
wildromantischen Schynschlucht zwischen Thusis und Filisur gleichkommt. Ob von den wild-
tosenden Wassern der Albula zu den in erhabener Ruhe die Felsschlucht überwölbenden Brücken-
bogen emporschauend (Bild 567) oder von einem talaufwärts noch höher gelegenen Standpunkt
aus die Brücke in ihrer Gesamtlage zu der hier auf der höchsten Straßenbrücke Graubündens
parallel die Schlucht überschreitenden Landstraße überblickend (Bild 566), hier umfängt
inmitten der Allmacht der schier allzukühn bezwungenen Natur den Menschen jene Andacht,
die ihn trotz des Sieges irdischer Kunst neben geheimem Stolz mit ehrfürchtigem Schauder
erfüllt.
,,Und durch die Seele des Poeten
Geht, lange nicht gekannt, ein heimlich Beten.“

So ist der als Albulabahn näher bezeichnete Streckenabschnitt zwischen Thusis—Filisur—
St. Moritz, vor allem in seiner letzten Hälfte kurz vor Filisur bis Bevers in der Aufeinander-
folge der Solisbrücke (Bild 566/67), des Schmittentobel- (Bild 568/69) und Landwasser-
Viaduktes (Bild 569/70), der künstliche Linienentwickelung zwischen Bergtin und Preda
(Bild 571) mit ihren vier Albula-Viadukten und sieben z. T. in Kehrtunnels liegenden Schleifen
sowie dem anschließenden Albulatunnel als längsten und höchsten Schmalspurtunnel ein un-
vergängliches Meisterwerk seines genialen Schöpfers, Prof. Dr.-Ing. Hennings.
Was aber für die Albulalinie der Aufstieg zum Albulatunnel, das bedeutet für die andere
Seite des Gleisvierecks auf der Strecke Davos—Filisur das Emporwinden zum Wiesener Viadukt
in dem zur Zügenschlucht verengten Tal des Landwassers. Wen möchte es daher nicht immer
und immer wieder anziehen, wenn er, im Bewußtsein der ungeheuren Summe aufopfernder
Tätigkeit, die in der Tunnel- und Brückenkette dieser Strecke liegt, plötzlich aus der Nacht
des Tunnels dem Lichte wiedergegeben, auf dem Brombenz-Viadukt (Bild 559) die Poststraße
und das sprudelnde Landwasser zugleich auf kurzem Bogen überbrückt, um im Augenblick
wieder von neuer Tunnelnacht umfangen zu sein, währenddessen das eiserne Pferd, unbemerkt
die Höhe der Schlucht erklimmend (Bild 560), und den stolzen Wiesener Viadukt über-
schreitend (Bild 561), sich kurz dahinter in Filisur mit der Albulabahn vereinigt.
I nd ist es nicht die Romantik der bezwungenen Naturgewalten, dann fesselt die Lieblich-
keit der Anlage des schauenden Menschen Auge und Herz. Erscheint nicht der ganze Zug,
der da auf dem Inn-Viadukt bei Cinuskel (Bild 573) der Strecke Bevers—Schuls/Tarasp das
Silberband des jungen Inns unter den Schneehäuptern des Oberengadins überschreitet, wie

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