Strauss, Walter
Von eisernen Pferden und Pfaden: Lebensbilder aus dem Reiche der Lokomotive — Hannover, 1924

Seite: [109]
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ALPENBAHNEN: RHÄTISCHE BAHN.

ein zierlich-winziges Riesenspielzeug, das man mit der Hand von der Ankersteinbaubrücke
herunternehmen und zum Schutze vor den hereinsinkenden Nebelschleiern in den Spielzeug-
schrank wegpacken möchte? Und doch, gerade die Lieblichkeit der sonnenbeschienenen Berg-
hänge war es, die zahlreiche gefährliche Lawinenzüge in sich bergend und schon zweimal die
gesamte männliche Bewohnerschaft des Dorfes Sulsanna auf ihren Saumzügen begrabend,
die Bahnlinie zwang, den Waldschutz der anderen Talseite aufzusuchen und deren zerrissene
Berglehne in der Brückenkette des Sulsanna- (Bild 572), Inn- (Bild 573) und Val Mela-Viaduktes
(Bild 574) zu überbrücken.
Wo aber weder Brücke noch Tunnel, weder Lawinenverbauungen noch künstliche Ufer-
befestigungen, wie sie der eiserne Pfad der Strecke Reichenau—Disentis (Bild 562/64) beim
Durchgang durch den prähistorischen Flimser Bergsturz und seiner phantastisch vom jungen
Rhein eingenagten Felsschlucht nötig machte, die Aufmerksamkeit von der Majestät der Berg-
weit ablenken, da zieht das eiserne Pferd selbst die Bewunderung auf sich. Gleichsam als Ver-
treter des Fortschrittes gegenüber der verklungenen Romantik ehrwürdiger Ruinen kurz
hinter Landquart auf der Strecke Landquart—Klosters—Davos aus dem Engpaß der Klus
(Bild 558) hervorbrausend, belebt es nunmehr als Zwingerin des über dem uralten Schloß
Rhazüns (Bild 565) und seinen kapellengekrönten Bergkranz drohenden Gewitterfunkens
unbeirrt das seit Mitte 1922 in seiner ganzen Ausdehnung von 277 km elektrifizierte kunstreiche
Bahnnetz. Drei äußerst vorteilhaft hierzu gelegene, wenn auch nicht eigene Kraftquellen, die
mit der Anlage in Thusis parallel auf das Gleisnetz arbeitende Umformerstation Bevers des
Kraftwerkes Brusio der Rhätischen Werke und die Bündner Kraftwerke in Küblis versorgen
die bisher an Leistungsfähigkeit noch unübertroffenen C+C- (Bild 146) und 1 D-l- (Bild 145)
Schmalspurlokomotiven der Brown, Boveri & Cie. A.-G. bzw. der Allgemeinen Elektricitäts-
gesellschaft mit Einphasen-Wechselstrom von 11 000 Volt und 162/3 Pulsen.
Welcher Freund des Eisenbahnwesens aber wäre nach all’ dem Geschauten nicht heimlich
versucht, die den menschenfernen Saumpfaden des Engadins gewidmeten Worte Ernst Zahns:

„Weißt du, mein Land, was mir das liebste ist
Von deiner Wunder vielgepries’ner Zahl?
Das sind die Wege, wo du einsam hist,
Vom Walde dunkel oder Absturz schmal;
Das sind die Wege, die nur wenige geh’n,
Wo du nur redest, wundersames Land,
Die seltensten von deinen Blumen steh’n.
Den Stein der Wildbach bricht, nicht Menschenhand“,
nach seiner Weise für einen noch kühneren Pfad, den Schienenweg des eisernen Pferdes auszu-
legen? Denn fürwahr, die allbekannten Anfangsverse von des Matthias Claudius „Urians
Reise um die Welt“:
„Wenn jemand eine Reise tut,
So kann er was erzählen“,

haben in einer Fahrt mit der Rhätischen Bahn mit ihrem reichen Wechsel von insgesamt
81 1 unnels und der stattlichen Zahl von 376 Brücken im wahrsten Sinne des Wortes ihre stärkste
Bestätigung nach der technischen Seite hin gefunden.
Als hortsetzung der Rhätischen Bahn (Bild 577) und zugleich bequemster Schienenweg
zwischen dem Engadin und ganz Nordostitalien über die Höhen der eigentlichen Gletscherwell
und der stillen Alpseen des Berninagebietes führt, wie schon ihr Name andeutet, die elektrische
Berninabahn, deren Insignien B. B. einen nicht weniger guten Klang wie das Rh. B. der Rhä-
tischen Bahn besitzen. \\ ill sie auch, vom Standpunkt des Verkehrsmittels aus betrachtet
in keinei W eise mit ihren großen \ ollspurbrüdern wie der Gotthard- oder Simplonbahn ir

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