Strauss, Walter
Von eisernen Pferden und Pfaden: Lebensbilder aus dem Reiche der Lokomotive — Hannover, 1924

Page: [114]
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ALPENBAHNEN: BERNINABAHN.

„Wo des Innbachs tosende Wogen
Meistert ein kühner, steinerner Bogen,
Wo der Wellen wühlendem Schwall
Spottet überm Berninafall
Durch Menschenkunst am felsigen Grat
Empor sich windend, der eiserne Pfad —
Dort ist Dein Anfang, Berninabahn!
Wo an der Berge bräutlichen Schleiern,
Wo an des Alppasses Wannen und Weihern,
Wo, von dem nickenden Wollgras umsäumt,
Unter den Kindern Floras träumt
Trotzig, ein wehrhaft’ Bahnhofsgebäude
Wider der Winde wütende Meute
Dort zwangst Du die Höhe, Berninabahn!
Wo die Arve der Schneesturm zerzaust,
Einsam die Gemse als Herrscherin haust,
Wo in der Gletscher Atlasfalten
Milchbäche Labyrinthe gestalten,
Wo die Firnen in stummen Leuchten
Mir wie himmlische Andacht deuchten
Dort fand’st Du die Weihe, Berninabahn!

Wo wie ein Adler über dem Tale
Kreisend, in schmiegsamer Schienenspirale
Aus der Bergwand Felsengerölle
Rundet der Zug in sanftem Gefälle,
Unter gekrümmten Brückenbogen
Den Pfad unterschneidend, den er gezogen —
Dort küßt Du den Süden, Berninabahn!
Wo des Stausees gefangener Strahl
Zeugt im schmucken Maschinensaal
Durch Generator und Peltonturbine
Knisternde Funken an kupferner Schiene,
Kraft und Leben dem Triebwagen spendend
Und im Kreislauf zur Paßhöhe sendend
Dort schlägt Dir Dein Herz, Berninabahn!
Wo im breiten Addatale
In des Südens Sonnenstrahle
An der steilen Felsenwand
Reift die Rebe, glutdurchbrannt,
Wo umrauscht von Maulbeerbäumen
Süll Tiranos Türme träumen —
Dort grüßt Dich Dein Ziel, Berninabahn!

Wo aus des ewigen Eises Regionen
Gleitet der Zug zu sonnigen Zonen
Über künstliche Kehren und Schleifen,
Wo des Puschlavs Stausee zum Greifen
Leuchtet Dir nahe und näher entgegen
Als ein Führer auf Schlangenwegen
Dort steigst Du hernieder, Berninabahn!

Holtest den Himmel zur Erde nieder,
Gäbest den Menschen das Wunder wieder,
Führtest ihn ein in das Märchenreich,
Brachtest ihm Glück und den Frieden zugleich,
Himmelwärtsstrebend auf eiserner Bahn
Ehrfurchtsvoll seinem Gotte zu nah’n
Sei mir gesegnet, Berninabahn!“
Aus des Verfassers:
,,Lebenslieder der Lokomotive“,
,, Berninabahn“.

Klangvolle Namen wie Tirano und Bormio des Addatales locken über das Stilfserjoch
hinüber in die österreichischen Lande, die in der zur Hälfte an Italien verlorenen Brennerbahn
Innsbruck—Bozen, vor allem aber in der Überschienung des Semmering zwei Marksteine in
der Geschichte des Eisenbahnwesens gesetzt haben.
Was die Brennerbahn so berühmt werden ließ, war die erstmalige Anwendung des Kehr-
tunnels im Schmirn- und Pflerschtale zwischen Stafflach und Gries bzw. Schelleberg und Gossen-
saß, das sogenannte ,,Ausfahren der Seitentäler“ zur Höhengewinnung, wie es vordem nur in
den Vereinigten Staaten von Amerika mit Hilfe von hölzernen „Trestleworks“ und von Spitz-
kehren erzielt wurde, sowie die Ablenkung der Eisack, die ihr altes Flußbett dem eisernen
Pfad abtreten mußte, durch einen Tunnel bei Gossensaß. Stellte somit die Brennerbahn für die
spätere Weiterentwickelung des Kehrtunnels zum Schraubentunnel ein lehrreiches Vorbild
dar, so bot sie ein zweites neues technisches Moment in der tunnellosen Überquerung der Paß-
höbe, die, im Sommer einen durch Berge und Wälder geschützten breiten Wiesenboden bildend,
im V inter der Schauplatz hartnäckiger Kämpfe des Menschen mit den Schneewehen wird.
1 reffend plaudert daher Dr. Mühlstädt in seinem Reiseführer von der Brennerbahn:

,,Man hört so häufig klagen, daß unsere Zeit so arm geworden sei an Poesie. Man tut ihr
damit Unrecht. Man sehe sich nur einmal einen Brennerzug an, wenn er nächtlicherweise mit
glühenden Augen heranschleicht, langsam, aber totsicher, wie ein Verhängnis. Man sehe den
Schneepflug, wenn er von ein oder zwei dampf- und rauchschnaubenden Lokomotiven in den
Schnee getrieben wird zur Arbeit, hochsteigt vor dem Feind in wildem Sichbäumen, keuchend

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