Strauss, Walter
Von eisernen Pferden und Pfaden: Lebensbilder aus dem Reiche der Lokomotive — Hannover, 1924

Seite: [115]
Zitierlink: 
http://tudigit.ulb.tu-darmstadt.de/show/47-A-826/0115
Lizenz: Creative Commons - No rights reserved (CC0)
0.5
1 cm
facsimile
ALPENBAHNEN: SEMMERINGBAHN.

und stöhnend in schwerer Schneewächte mit ihm ringt, daß die Erde bebt, oder, gleichsam
spielend mit seiner gewaltigen Kraft, metertiefes Flockengeriesel vor sich her zerstäubt. Nein,
unsere Zeit ist so reich wie Hellas und Rom an poetischen Werten, wir müssen diese neuen
Werte nur erst fühlen lernen.“

Klin gt es dann nicht wie eine leise Vorahnung, wenn schon Goethe von dem Weg, den
heute das geistvolle Werk Karl von Etzels als zweithöchste vollspurige Alpenbahn erklimmt,
sagt :
,,Von Innsbruck herauf wird es immer schöner, da hilft kein Beschreiben!“?

Was aber für die Brennerbahn das heute mit um so größerer Berechtigung auch für den
eisernen Pfad geltende Urteil Goethes, das bedeutet für die Semmeringbahn die anläßlich ihrer
Fünfzigjahrfeier verfaßte Festbetrachtung Peter Roseggers, der uns dem kunstvollen Werke
Karl Ghegas auf dem Wege der Poesie näher bringt und schon vordem mit seinen launigen
Schilderungen aus der Zeit, da er noch der Waldbauernbub war, gar oftmals auf unserem Be-
trachtungsweg erheitert hat. Und wenn wir nach Überqueren des Wagnergrabens (Bild 597
und 599) und einem Seitenblick auf den malerischen Flecken Klamm-Schottwien (Bild 598)*
gegen die Raxalpe (Bild 600) schauend, zu unseren Füßen das eiserne Pferd durch die Wein-
zettel- und Poleroswand zum Viadukt über die Kalte Rinne emporklimmen sehen, dann müssen
wir lächelnd des einfältigen Paten Jochen gedenken, der beim Anblick des ,,tabakrauchenden
Wurmes“ mit den Worten:

,,Jessas Maron! Das ist schon so was! Spring, Bub!“,

abergläubisch die entgegengesetzte Bergseite hinunterrannte. Wir aber erkennen, dem Wunder-
werke zuwandernd, daß hier die Eigenart der Trassenführung nicht in der Länge einer Simplon-
nacht oder den Schraubentunnels der Gotthardbahn, nicht in den zierlichen Viaduktbogen
der Rhätischen Bahn oder den Gleisstufen und der Kehrspirale der Berninabahn, sondern in
den an die steilen, schier unbezwingbaren Berglehnen sich anschmiegenden Galerien einer
Axenstraße und den gleichzeitig in einer Kurve liegenden Doppelviadukten einer Elstertal-
brücke bestehen. Hat man doch im Hinblick auf diese massigen Stütz- und Futtermauern
und die fast den zehnten Teil der ganzen Anfahrtsrampe umfassenden Kunstbauten die Sem-
meringbahn nicht unbegründet eine ,,gemauerte“ Bahn genannt, gegenüber deren widerstands-
fähiger, wenn auch ungeheure Baukosten verschlingenden Ausführung die Stürme von sechs
Jahrzehnten machtlos waren.
Drei kurz aufeinanderfolgende Tunnels durch eine ein- bzw. sechsbogige Galerie (Bild 601)
miteinander verbindend, klammert sich die gedeckte Weinzettelmauer wie ein Schwalbennest
an das brüchige Kalkgestein, durch ihre seitlichen Bogenöffnungen vom Schienengleis aus über
die Schwarztannenwipfel des Abgrundes herrliche Rundblicke gewährend. Die ,,blitzende
Nacht“ nennt sie daher treffend Peter Rosegger wegen des unerwartet zu den Wagenfenstern
hereinflutenden, von den dicken Pfeilern periodisch unterbrochenen und ebenso plötzlich, wie
cs gekommen, von der Nacht des nächsten Tunnels abgelösten Tageslichtes.

Hinter dem kurzen Krauseitunnel (Bild 602) geht es über den Doppelviadukt der Krausel-
klamm durch den Polerostunnel und seine Felsmauer hindurch zu dem im Hintergründe von
Bild 600 sichtbaren Viadukt über die Kalte Rinne, der nächst dem über die Krauselklamm
eines der schönsten Bauwerke und zugleich den stolzesten Viadukt der Bahnstrecke bildet.
Auf fünf segmentförmigen Gewölben führen zehn Rundbogen in zweistöckigem Viadukt den
eisernen Pfad in einer Krümmung über die Kalte Rinne, an deren Schluchtwänden er vordem
emporgeklommen. Bald aber kündet das zur Seite auftauchende, schlichte Denkmal Karl
Ghegas, des großen Bahnbauers, die Einfahrt in die Station Semmering und die nahe Mündung
des gleichnamigen Haupttunnels an, dessen in Stein gemeißelte Portalinschrift:

100
loading ...

DWork by UB Heidelberg
Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt   |    Impressum   |    Datenschutzerklärung   |    OAI   |    RSS   |    Twitter   |    seo-list