Strauss, Walter
Von eisernen Pferden und Pfaden: Lebensbilder aus dem Reiche der Lokomotive — Hannover, 1924

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ALPENBAHNEN: SEMMELINGBAHN.

,,Er fuhr an den Wänden hin am Morgen, wenn draußen über der fernen Ebene das weiße
Nebelmeer lag und darüber die große, rote Sonne aufslieg. Er fuhr zu Mittag, wenn die lichten
Sommerwolken in die Schluchten leuchteten und wie Schattengestalten hinglitten über Berg
und Tal. Er fuhr des Abends, wenn auf den Hochzinnen die Glut lag, dann die Berge schwarz
in den blassen Himmel hineinstanden und in den Tälern die Lichter der Ortschaften sich ent-
wickelten. Er fuhr in der Nacht, wenn über dem Sonnenwendstein der Mond stand und das
ganze Gebirge mit einem zarten, glilzernden Schleier übergoß. Als der Herbst kam, beobachtete
er die rot gewordenen Buchen und die gelb gewordenen Lerchenbestände und den silbernen
Reif am Rande der Wälder. In der klaren Luft leuchtete von der Rax jede Felstafel auf ihn
herab, und die Leute, so auf dem Scheitel des Sonnenwendsteines standen, sah er mit freiem
Auge. Und als der Winter da war, fuhr der Mann noch immer auf dem Semmering hin und her
im Spinnen des grauen Nebels, im Schneetreiben der sausenden Stürme und im blendenden
Flimmern der sonnigen Schneefelder.“
Wenn aber von der unerwarteten Abreise des Fremden unter —- Zurücklassung des Revolvers
und Mitnahme der schönen Kellnerin vom Gasthof zu Mürzzuschlag Rosegger pfiffig meint:
,,Ob das alles nur dem Semmering zuzuschreiben ist, will ich ja nicht behaupten“,
so fügt er doch mit Stolz hinzu:
,,l)aß aber der Semmering ein unerschöpflicher Quell von den mannigfaltigsten Natur-
Stimmungen und von Lebenslust ist, das weiß nur einer, der ihn zu allen Tages- und Jahres-
zeiten befahren hat.“

Und wem dieses Glück einmal zuteil geworden ist, der wird dann um so tiefer die Rewunderung
für die Technik nachempfinden, die einst der Kaiser Joseph II. beim Anblick des kurzen Langu-
edoc Tunnels des Canal du Midi begeistert in den Worten zum Ausdruck brachte:
„Wie bin ich stolz, ein Mensch zu sein, da meinesgleichen solche Werke schaffen können!“
Ähnlich wie die Albulabahn mit Recht die kleine Gotthardbahn genannt wird, so hat
auch die Semmeringbahn in der 91 km langen Einphasen-Wechselstrombahn St. Pölten-
Mariazell ein Abbild in kleinerem Maßstabe erhalten. Steht schon die Rhätische Bahn trotz
ihrer dem Gebirgscharakter sich besser anschmiegenden Meterspur in keiner Weise den Leistungen
ihrer vollspurigen Geschwisterbahnen nach, so tritt dies noch verblüffender bei der in St. Pölten
an die österreichische Staatsbahn anschließenden niederösterreichisch-steirischen Alpenbahn
zutage, die mit 760 mm Spurweite nur das doppelte Maß der größten englischen Garteneisen-
bahnen (Rild 109/25) besitzend, einen bedeutenden Güter- und Personenverkehr zu bewältigen
hat, während die von ihr durch zahlreiche Tunnels (Bild 605) und Kurvenviadukte (Rild 607),
tiefe Felseinschnitte (Rild 609/10) und künstliche Linienentwickelung (Bild 607/08) zwischen
Laubenbachmühle und dem Gösing-Scheiteltunnel bezwungene Gebirgslandschaft im wahrsten
Sinne des Wortes einem kleinen Semmering gleicht.
Einmal ist es die Bedeutung Mariazells als des berühmtesten Wallfahrtsortes der öster-
reichischen Lande, die jährlich viele Tausende teils um des heiligen Gnadenbildes, teils um der
Naturschönheiten des Erlauf- und Lassingfalles oder der Bürgeralpei willen herbeiströmen
läßt, so daß sich die Bahnverwaltung schon nach dem ersten Eröffnungsjahr genötigt sah,
Mittel zur Abdämmung und Regelung des Andranges ausfindig zu machen. Das andere Mal
waren es die die Endstation der Bahnlinie bildenden zahlreichen Eisengußwerke, durch die
die Bahn stark für den Güterverkehr in Anspruch genommen wurde. In Anbetracht dieser
besonders im Winter durch die im oberen Rahnabschnitt herrschenden schweren Schneestürme
noch erhöhten Anforderungen ging man zur Vermeidung von Nachtbetrieb oder Einführung
des wegen der kurvenreichen Trasse und ihrer zahlreichen Tunnels nicht ungefährlichen Nach-
schubdienstes unter Ausnutzung der reichlich vorhanden Wasserkräfte zum elektrischen Betrieb
über. Infolge der großzügigen Einstellung von 14 C+C-Lokomotiven (Bild 148) gelangte die

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