Strauss, Walter
Von eisernen Pferden und Pfaden: Lebensbilder aus dem Reiche der Lokomotive — Hannover, 1924

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ALPENBAHNEN:

MARIAZELLER RAHN.

St. Pöltener Schmalspurbahn zu dem Ruhm der ersten österreichischen Eisenbahn, die in
größerem Maßstab elektrischen Lokomotivbetrieb eingerichtet hat und durch die Eigenart
der Rahnanlage wie auch des Betriebes und dessen durch die örtlichen Verhältnisse sich er-
gebenden Schwierigkeiten auch über die Grenzen ihres Landes hinaus als ein Meisterwerk der
österreichischen Siemens-Schuckertwerke, Wien, von Bedeutung wurde. Zwei die Staustufen
des mit dem Lassingbach vereinigten Erlaufflusses ausnutzende Bahnkraftwerke bei Trüben-
bach und Wienerbruck (Bild 612), das in einer besonders tiefen Schlucht an einer Krümmung
des schäumenden Erlaufflusses liegt und dessen Stausee malerisch von dem eisernen Pfad
auf einem zierlichen Damm überschritten wird (Bild 611), speisen mit vier anderen, zugleich
die St. Pöltener Industrie mit Energie versorgenden Hilfskraftwerke mit teilweisen Dampf-,
Gas- oder Dieselmotorbetrieb das Fahrdrahtnetz mit Einphasen-Wechselstrom von 6500 Volt
und 25 Pulsen.
Wie so oft Errungenschaften der Technik sich den Spott der Zeitgenossen gefallen lassen
mußten und auf dem Papier phantasievolle Erweiterungen und Anwendungen erfuhren, so ist
die köstliche Karikatur von Stuhr im Wiener Figaro vom Jahre 1878 ,,Die Mariazeller Wall-
fahrt zum ersten Male per Dampf“ (Bild 603) in der Eröffnung der gesamten Strecke mit Dampf-
betrieb 1907 nicht nur zur Wahrheit geworden, sondern in der bald nachfolgenden Elektri-
fizierung (Bild 604/12) noch übertroffen worden. Noch seltsamer aber erscheint des
Schicksals Fügung, wenn man der stolzen Worte gedenkt, die Freiligrath dem Maschinisten
seines unter den Anfangsvers „Ein Dämpfer kam von Biebrich her“ bekannten sozialen Ge-
dichtes „Von unten herauf“ in den Mund legt und die, ungeachtet ihres Zusammenhanges
eigens dem elektrischen Pferd der Mariazeller Bahn auf den Leib geschrieben sein könnten:
„Dann schreit’ ich jauchzend durch die Welt!
Auf meinen Schultern stark und breit,
Ein neuer St. Christopherus,
Trag’ ich den Christ der neuen Zeit!
Ich bin der Riese, der nicht wankt!
Ich bin’s, durch den zum Siegesfest
Über den tosenden Strom der Zeit
Der Heiland Geist sich tragen läßt!“
Der eiserne Pfad, der als Verkehrsbahn wie ein eiserner Wille die sich ihm entgegen-
stellenden Hindernisse mit Brücke und Tunnel siegreich bezwang, er wagte es sogar, in an-
schließenden Nebenlinien die Häupter der Bergesriesen selbst zu erklimmen, doch nicht, wie
leider so oft geäußert wird, als eine Entweihung himmlischer Firneneinsamkeit, sondern allen
denen zur Freude, welchen die symbolischen Worte des Psalmisten:
„Hebe deine Augen auf zu den Bergen, von welchen dir Hilfe kommt“,
ein tiefempfundenes Bedürfnis ist.
Als die erste in Deutschland mit hochgespanntem Gleichstrom von 1500 Volt betriebene
Eisenbahn — vor Einführung der Wendepolmaschinen war nur eine Höchstspannung von
600 Volt möglich — nimmt die Wendelsteinbahn Brannenburg—Wendelstein als ein Abzweig
der Linie München—Kufstein eine besondere Stellung in der Entwickelungsgeschichte der
Bergbahnen ein. Doch noch ein zweites Moment ist es, daß die Aufmerksamkeit auf diese teils
als Adhäsionsbahn (Bild 61/), teils als Zahnradbahn (Bild 616) mit längeren Steigungen bis
zu 23,5 % ausgebildete Meterspur lenkt: die Anlage einer größeren Pufferbatterie, die es erst
ermöglichte, trotz der für stärkere Belastungen nicht ausreichenden Wasserkräfte die Strecke
dennoch mit Erfolg elektrisch zu betreiben.
Das mit großem Geschick der Stilart seiner romantischen Umgebung als ein Muster-
beispiel moderner Ingenieurästhetik sich anpassende Kraftwerk im Förchenbachtal (Bild 613)

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