Cantor, Moritz
Die römischen Agrimensoren und ihre Stellung in der Geschichte der Feldmesskunst : eine historisch-mathematische Untersuchung / von Moritz Cantor: eine historisch-mathematische Untersuchung — Leipzig, 1875

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Abschnitt I.
Heron von Alexandrien.
Unter den Fragen, welche dem Geschichtsforscher der
exakten Wissenschaften sich gradezu aufdrängen mussten,
nahm lange Zeit die sogenannte Heronische Frage eine
widrige Stellung ein. Wie um ein geschlossenes Gebäude
herum bewegte man sich in stetem Kreise ohne in das Innere
dringen zu können, ohne Schlüssel, ja fast ohne Kenntniss
der Thüre, welche mittelst jenes Schlüssels geöffnet werden
musste, wenn man so glücklich war, ihn zu entdecken.
Einem italienischen Gelehrten, Venturi, war es endlich am
Anfänge dieses Jahrhunderts, 1814, beschieden, die richtige
Spur zu ermitteln; allein die Seltenheit des Werkes1), in
welchem er seine Forschungen veröffentlichte, ausserhalb
seiner Heimatli, die kaum geringere Seltenheit von Männern,
welche innerhalb derselben solchen Studien sich zuwandten,
bevor unter dem wohlthätigen Einflüsse des Prinzen Bald-
assare Boncompagni neues Interesse eine neue Schule er-
zeugte, diese beiden Umstände vereinigt Hessen die hero-
nische Frage, wiewohl der Hauptsache nach beantwortet,
als ungelöst fortbestehen. Ist es doch nur auf diese Weise
begreiflich, dass Letronne, welcher mit einer umfassenden
Arbeit den Preis sich errang, den die historisch-philologische
Abtheilung der Pariser Akademie auf Bearbeitung der Auf-
gabe: Expliquer le Systeme melrique d’Heron d’Alexandrie et
en determiner les rapports avec les autres mesures de longueurs
des anciens im Jahre 1816 ausschrieb, mit Veröffentlichung
seiner gekrönten Abhandlung so lange zurückhielt, bis er
darüber wegstarb und erst Vincent im Jahre 1851 die nach-
gelassene Schrift2) dem Drucke übergab, Untersuchungen
von immerhin grossem Werthe, aber ohne Berücksichtigung
Venturi’s angestellt und in der durchaus falschen Behaup-
tung gipfelnd, der'Verfasser der meisten als heronisch über-
lieferten Bruchstücke sei Heron von Alexandrien, der Lehrer
des Proklus Diadochus, welcher demgemäss zwischen 430
und 440 seine Blüthezeit haben musste. Unbeirrt durch die
Autorität Letronne’s unternahm es dessen gelehrter Lands-
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