Das deutsche Eisenbahnwesen der Gegenwart. (Bd. 1) — Berlin, 1911

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Das deutsche Eisenbahnwesen der Gegenwart.

Standes und machtvoller Stellung im Wettbewerb der
Völker auf allen Gebieten menschlichen Unter-
nehmungsgeistes. Wenn auch im ersten Kapitel des
Werkes, dem Plane entsprechend, nur in knappster
Form, unterstützt durch eigens zu diesem Zweck her-
gestellte Übersichtskarten, die hauptsächlichsten
Merkmale der Geschichte von Technik und Verwal-
tung der deutschen Eisenbahnen vorgeführt werden,
so sind doch über den Rahmen der geschichtlichen
Darstellung hinaus Rückblicke und Seitenblicke auf
die ungeheuren Veränderungen gegeben, die durch die
Einführung des neuen Verkehrsmittels in Handel und
Wandel hervorgerufen und gefördert wurden. Man
empfindet es als selbstverständlich, wie mit der Aus-
dehnung des Schienennetzes, der Vervollkommnung
des technischen Apparats, der immer größeren An-
passung der Beförderungseinrichtungen an die Be-
dürfnisse des Wirtschaftslebens, der stetig steigenden
Massenbeförderung das Aussehen des ganzen Landes
sich verändert. Es wird erklärlich, wie in einem
Lande mit verhältnismäßig schwachen Erträgnissen
und geringem Umsatz sich nach und nach eine ge-
waltige Produktion und Konsumtion entwickelt; wie
die im Schoße der Erde lagernden Schätze in groß-
artigen industriellen Anlagen, Bergwerken und Hütten
nutzbar gemacht, wie der Land- und Forstwirtschaft
neue Absatzgebiete erschlossen werden, wie dadurch
mit der Ausdehnung des Eisenbahnverkehrs die Aus-
wanderung in fremde Länder abnimmt, die Be-
völkerungsziffer des eigenen Landes aber mächtig an-
wächst; wie die Eisenbahnen die heimische Industrie
in ihrem Wettbewerb mit dem Auslande tatkräftig
fördern und auch so zur Hebung des allgemeinen
Wohlstandes beitragen, wie sie endlich — eine
der bemerkenswertesten Erscheinungen des immer
mehr zur Herrschaft gelangenden Staatsbahnsystems
— ein großes Heer von Beamten und Arbeitern be-
schäftigen, die bei angemessenen Einkommen auch
den Anspruch auf spätere Versorgung erwerben.
So wirken die Eisenbahnen, obwohl durch sie die
Anhäufung großer Menschenmassen in Städten und
verkehrsreichen Gebieten gefördert wird, doch wieder
ausgleichend unter den Bevölkerungsklassen, und ihre
ganze bisherige Entwicklung bürgt dafür, daß sie auch
in der Zukunft ein segenbringendes Gemeingut der
Nation bleiben werden.
Was den Eisenbahnverkehr von allem anderen
auf festem Boden vor sich gehenden Verkehr abhebt,
ist die Eigenart seines technischen Aufbaues und
Apparats.
Daher werden zunächst im II. bis V. Kap. die
örtlichen Anlagen der Eisenbahnen vorgeführt. Der
Bahnbau, von der Projektierung neuer Linien an bis
zur Vollendung des Schienenweges und der Bahnhöfe
stellt hohe Ansprüche an technisches Wissen und
Schaffen. In dieses gewaltige Gebiet des Bau-
ingenieurs gehören insbesondere der Bau von
Brücken, Viadukten, Wegeunter- und Überführungen

und Tunnels, die Herstellung von Durchlässen, Ein-
schnitten und Dämmen, die Anordnung des Schienen-
weges mit den verschiedenen Arten seiner Unter-
bettung, die Anlage von Bahnhöfen mit allen ihren
verschiedenartigen Bauten, Hallen und Schuppen,
Gleis-, Weichen-, Bahnsteig- und Verschubanord-
nungen, von Beleuchtungs- und Heizwerken, Kreu-
zungen, Drehscheiben und Schiebebühnen, sowie von
Sicherungswerken und Signalvorrichtungen, Fern-
schreib- und Fernsprecheinrichtungen aller Art. Es
ist bekannt, daß die technische Ausgestaltung
des Bahnkörpers und der Balmhofsanlagcn der deut-
schen Eisenbahnen durch Gediegenheit und Zweck-
mäßigkeit sich auszeichnet. Geradezu erstaunlich
zahlreich und vielseitig sind die Werke, die auf diesem
Gebiete in den letzten Jahrzehnten geschaffen wurden.
Die geordnete und sichere Betriebsdurchführung auf
den oft mit ungeahnter Schnelligkeit anwachsenden
Verkehrsplätzen hat den Umbau und Erweiterungs-
bau von zahlreichen Bahnhöfen mit ungeheuerem
Kostenaufwande in immer neuer, immer vollkom-
menerer Form erforderlich gemacht. Nicht minder
fortgeschritten ist insbesondere der Brücken- und
Tunnelbau. Auf dem Gebiete des Eisenbahnoberbaues
mit eisernen und hölzernen Schwellen und den ver-
schiedenen Bettungsarten hat man nach vielen um-
sichtigen Versuchen nunmehr für die meisten der
zahllosen Anordnungen feste Normen gefunden. Das
technische Sicherungswesen der deutschen Eisen-
bahnen hat wohl den höchsten Grad, der gegenwärtig
denkbar ist, erreicht.
Keine Kosten wurden hier gescheut, immer neue
zweckentsprechende Lösungen ersonnen, wobei
die hervorragendsten Kräfte der Eisenbahnverwal-
tung mit denen der beteiligten Industrien Hand in
Hand gearbeitet haben.
Ebenbürtig stehen der Kunst des Bauingenieurs
die Werke des Maschineningenieurs zur Seite, die in
den nun folgenden Kap. VI bis X dargestellt werden.
Zur Fortbewegung der Millionen von Reisenden
und zur Bewältigung eines Massengüterverkehrs
von früher nie geahntem Umfang bedarf es eines
Parks von Eisenbahnfahrzeugen, der nach vielen
Hunderttausenden zählt und in hohem Maße leistungs-
fähig, betriebssicher und den Verkehrsbedürfnissen
aller Art angepaßt ist. Im Vordergrund der Dar-
stellung steht auf diesem Gebiet der Bau der
Lokomotiven mit ihren zahlreichen verwickelten
Einzelteilen. Wohl kaum ein anderer technischer
Apparat hat gleich gewaltige Fortschritte zu ver-
zeichnen, wie die Eisenbahnlokomotive. Mit dem Heiß-
dampf oder überhitzten Dampf ist sie in eine neue
Phase kraftvoller Entwicklung eingetreten, in der
Deutschland führend vorangegangen ist. Trotz der
bei uns geltenden scharfen Bestimmungen über Um-
grenzungsprofil, Raddruck und Achsbelastung wurden
gewaltige Dampfrosse mit mehr als einundeinhalb-
tausend Pferdekräften geschaffen, die schwere Züge
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