Das deutsche Eisenbahnwesen der Gegenwart. (Bd. 1) — Berlin, 1911

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Kapitel 11.

Linienführung und Bahngestaltung.
Von Dr. Ing. Blum, Professor an der Königlichen Technischen Hochschule zu Hannover.

1. Die Linienführung.
A. Zweck und Umfang der Vorarbeiten.
Alle Arbeiten, die notwendig sind, lim eine neue
Eisenbahn, wie überhaupt einen neuen Verkehrsweg
zu schaffen, umfaßt man mit den Begriffen
„Trassieren“ oder „Linienführung“ oder „Vor-
arbeiten“, — drei Worte, die sich übrigens in ihrer
üblichen Bedeutung nicht vollkommen decken. Die
Arbeiten sind volks- und privatwirtschaftlicher, bau-
und maschinentechnischer, sowie rechtlicher Natur.
Hierzu treten bei vielen Eisenbahnen auch noch
politische und strategische Erwägungen.
Den Zweck der „Vorarbeiten“ kann man dahin zusammeu-
fassen, daß sie nachweisen sollen:
die neue Linie ist volkswirtschaftlich zweckmäßig;
sie ist betriebstechnisch möglich und dem Verkehrsbediirinis
gewachsen;
sie bedarf dazu einer bestimmten technischen Ausstattung;
die vorgeschlagene Trasse ist unter den sonst noch mög-
lichen Linien die günstigste, und zwar unter Berück-
sichtigung aller dafür maßgebenden Momente;
die Bahn kann finanziert werden oder sie bedarf besonderer
Zuschüsse.
Neben den sonstigen Gesichtspunkten erfordert
nun vor allem die Klarstellung der technischen und
wirtschaftlichen Fragen für jede einzelne Linie eine
umfangreiche wissenschaftliche Bearbeitung. Nötig
ist hierfür zunächst die Festlegung des ungefähren
Verlaufes der Linie in den besten vorhandenen
Karten und der Vergleich mit den sogen. „Varianten“,
d. h. mit Linien, die demselben Verkehrsbedürfnis ent-
sprechend, aber ganz oder streckenweise einen
anderen Verlauf zeigen. Dieser Vergleich ist nach den
Gesichtspunkten der Verkehrsbedeutung, der Bau-
und Betriebskosten und etwaiger besonderer Betriebs-
schwierigkeiten durchzuführen. Hierfür sind weiter
genauere Entwürfe, Kostenanschläge für Bau und Be-
trieb und Rentabilitätsberechnungen erforderlich.
Die vollständige Trassierung einer Linie erfordert
demgemäß einen hohen Aufwand von Mühe, Zeit und
Geld. Nun werden aber viele Linien zwar trassiert,
aber niemals gebaut, z. B. weil sich keine Rentabilität
erzielen läßt, oder weil sich eine „Variante“ als zweck-
mäßiger herausstellt. Außerdem sind mit dem

Trassieren gewisse Belästigungen durch die Tätigkeit
der Landmesser unvermeidlich, auch Beunruhigungen
der Bevölkerung durch die Erregung von Hoffnungen
auf den neuen Verkehrsweg.
All’ dies drängt darauf hin, bei den Arbeiten eine
Teilung vorzunehmen, indem zunächst nur über-
schlägliche Ermittlungen und Berechnungen aus-
geführt werden, auf Grund deren man sich dann
darüber klar wird, ob der Entwurf endgültig abgelehnt
oder ob er weiter verfolgt und — in bejahendem
Fall — welche Variante zugrunde gelegt werden soll.
Erst dann werden die Geldmittel bereitgestellt und
die genauen Entwurfsbearbeitungen begonnen.
Nach diesen Gesichtspunkten werden die Vor-
arbeiten eingeteilt in allgemeine (generelle) und aus-
führliche (spezielle) Vorarbeiten, — eine Einteilung,
die sowohl für Staats- wie auch für Privatbahnen ein-
gehalten wird und durch Gesetze und Verordnungen
festgelegt ist.
Die allgemeinen Vorarbeiten zu einer neuen Linie erhalten
ihre Anregungen von den Eisenbahndirektionen, häufiger aber
von den sogen. „Interessenten“ — Städten, Kreisen, Großgrund-
besitzern, Industriellen, Militärbehörden. Die allgemeinen Vor-
arbeiten werden von der obersten Landesaufsichtsbehörde ge-
prüft und bilden bei Staatsbahnen die Grundlage, um die Be-
willigung der erforderlichen Geldmittel bei den gesetzgebenden
Körperschaften nachzusuchen; bei Privatbahnen wird auf Grund
der allgemeinen Vorarbeiten die staatliche Genehmigung zum
Bau (Konzession) erteilt und das Enteignungsrecht verliehen.
Die wichtigste Grundlage für die allgemeinen Vorarbeiten
bilden in Deutschland die vorhandenen Karten, die so gut sind,
daß besondere Aufnahmen durch Landmesser meist entbehrt
werden können; insbesondere bieten die Karten des General-
stabs, die „Generalstabskarten“ 1:100 000 und 1:50 000, ferner
die „Meßtischblätter“ 1:25 000 mit Hühenschichtenlinien ein
ausgezeichnetes Planmaterial; dazu kommen noch die geolo-
gischen Karten und die vielfach vorzüglichen Pläne der Städte
und Gemeinden (in Maßstäben von etwa 1:4000 oder 1:5000).
Bei Arbeiten im Ausland, z. B. in den Kolonien, sind natur-
gemäß auch bei den allgemeinen Vorarbeiten Geländeaufnahmen
nötig. — Die Ausarbeitung der Linien erfolgt aber nie nach den
Karten allein, sondern ist stets das Ergebnis von Bereisungen,
bei denen auch die wirtschaftlichen Verhältnisse des durch-
zogenen Gebietes geprüft werden.
Die der obersten Landesaufsichtsbehürde vorzulegenden Er-
gebnisse der allgemeinen Vorarbeiten müssen enthalten: eine
Übersichtskarte 1: 100 000 oder 1: 25 000, Lage- und Höhenpläne,
einen Erläuterungsbericht, einen Kostenüberschlag, eine Denk-
schrift und eine Ertragberechnung. Für den Kostenüberschlag
ist hierbei ein „Normalbuchungsformular“ festgesetzt, das alle
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