Das deutsche Eisenbahnwesen der Gegenwart. (Bd. 1) — Berlin, 1911

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Kapitel III.
Der Eisenbahn-Oberbau.
Von Holverscheit, Geheimem Oberbaurat und Vortragendem Rat im Ministerium der öffentlichen Arbeiten zu Berlin.

Den Eisenbahnfahrzeugen wird ihr Weg zwangs-
weise durch das Gleis angewiesen, das mit seiner
Unterlage, der Gleisbettung, den Oberbau der Bahnen
bildet.
Fahrzeug und Oberbau stehen in Wechselwirkung
zueinander. Wie es einerseits undenkbar ist, daß der
Oberbau in guter Verfassung bleibt, wenn unrund ab-
gefahrene Räder auf ihm herumhämmern, Wagen mit
kurzen Radständen gegen die Schienenköpfe arbeiten
oder schwere, ungelenke Lokomotiven die Schienen
eines Gleises auseinander zu drängen suchen, so muß
umgekehrt auch das Fahrzeug leiden, wenn es durch
schlechten Zustand der Schienenstöße, durch Mängel
in der Höhenlage der Schienenstränge, durch un-
genügende Befestigung der Schienen auf den
Schwellen und dergl. heftige Erschütterungen erfährt
und bei schneller Fahrt hin und her geworfen wird.
Eine gute Beschaffenheit beider Teile und ihre zweck-
mäßige Anpassung aneinander ist danach auch in
wirtschaftlicher Beziehung eine wesentliche Vor-
bedingung für ihre möglichst lange Lebensdauer und
für das Maß der aufzuwendenden Unterhaltungs-
kosten.
Für eine große Eisenbahnverwaltung handelt
es sich beim Oberbau um sehr bedeutende Summen.
Die größte einheitlich geleitete Verwaltung der Erde,
die des preußisch-hessischen Eisenbahnnetzes, umfaßt
rund 54 300 km Hauptgleise der Haupt- und Neben-
bahnen und etwa 24 000 km Nebengleise. Dieser
Länge entspricht ein Anlagewert des Oberbaues von
über 2200 Millionen Mark, also etwa des vierten Teils
ihrer gesamten Anlagekosten, und es ist leicht ersicht-
lich, welchen Einfluß auf die jährlichen laufenden Aus-
gaben es haben muß, wenn durch geeignete Maß-
nahmen die Lebensdauer des Oberbaues auch nur um
einige Jahre verlängert werden kann.
Der mehr oder minder gute Zustand des Ober-
baues hängt einerseits von der Güte der Bauart und
des Stoffes der einzelnen Teile ab, andererseits von
der Sorgfalt und Fachkenntnis, mit der die erstmalige
Herstellung und alsdann die weitere Pflege, also die
Unterhaltung, ausgeführt wird. Das Bestreben, den
Oberbau möglichst lange in guter Verfassung zu er-
halten, kann, soweit die Bauart dabei mitspricht, nur
dann von Erfolg sein, wenn alle Teile dazu beizu-
tragen in der Lage sind, denn es wäre zwecklos,
starke Schienen auf zu schwache oder zu wenige
Schwellen zu verlegen oder etwa die Verbindung
zwischen den Schienen und den Schwellen zu schwach
zu machen, oder einem an sich genügend kräftigen

Gleise eine unzureichende Unterlage auf mangelhafter
Bettung zu geben, denn jeder Teil ist auf die Unter-
stützung und Mithilfe der anderen angewiesen, wenn
er selbst mit seiner vollen Leistungsfähigkeit zur
Geltung kommen soll. Die Ausgestaltung des Ober-
baues der deutschen Bahnen in der neueren Zeit hat
diesen Gesichtspunkten Rechnung getragen, soweit
die obwaltenden finanziellen Verhältnisse dies irgend
gestatteten, und läßt erkennen, daß die Würdigung
der bei den einzelnen Maßnahmen in Betracht kom-
menden technischen Gründe wesentlich mitgewirkt
hat, dem deutschen Eisenbahngleise eine hervor-
ragender Stelle im Eisenbahnwesen zu erringen.
Dies soll im Folgenden an den einzelnen Teilen des
Oberbaues: der Bettung, den Schienen und Schwellen,
den Stoßverbindungen und dem Kleineisen und sodann
an dem Oberbau als Ganzes gezeigt werden. Eine
solche Darstellung des heutigen Standes des Ober-
baues der deutschen Eisenbahnen kann sich nicht
ganz auf eine Beschreibung beschränken, sondern
muß zur Erreichung einer richtigen Einschätzung der
jetzigen Einrichtungen auch ersichtlich machen, aus
welchen Gründen sie ihre gegenwärtige Gestaltung
erhalten haben. Das erfordert zum Teil ein Zurück-
gehen auf die Erfahrungen, die vorher mit anderen
Formen und Anordnungen gemacht sind, da ein
brauchbarer Oberbau sich überall nur auf der Grund-
lage der Erfahrung hat herausbilden können, nicht
aber lediglich aus theoretischen Erwägungen am
grünen Tisch.
1. Die Bettung.
Die Grundlage für das Gleis ist die Bettung. Sie
soll den Druck der einzelnen Schwellen auf eine
größere Fläche des Unterbaues (Damm oder Ein-
schnitt) verteilen und den Schwellen eine dauernd
feste Lage geben, sowohl in senkrechter Richtung
gegen den Druck der rollenden Lasten, als auch in
wagerechter Richtung gegen ein seitliches Ver-
schieben des Gleises durch die Pressungen der Rad-
flanschen, namentlich in Krümmungen. Außerdem
hat sie die Aufgabe, die Schwellen durch schnelle Ab-
führung des Wassers trocken zu erhalten. Aus diesen
Anforderungen ergeben sich die Eigenschaften, die
von einer guten Bettung verlangt werden müssen: ihre
einzelnen Teile sollen sich gegeneinander möglichst
schwer verschieben lassen, sie sollen genügende Härte
haben, um dem Druck der Schwellen und den
Schlägen der Stopfhacke widerstehen zu können und
sollen frei von erdigen und lehmigen Bestandteilen
sein, um wasserdurchlässig zu bleiben.
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