Das deutsche Eisenbahnwesen der Gegenwart. (Bd. 1) — Berlin, 1911

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Kapitel IV.

Die Bahnhofsanlagen und Eisenbahnhochbauten.
Von Dr.-Ing. M. Oder, Professor an der Technischen Hochschule zu Danzig.

1. Der Zweck der Bahnhöfe.
Die Bahnhöfe ermöglichen der Bevölkerung
die Benutzung der Eisenbahnen. Hierzu bedarf es
mannigfacher Einrichtungen, wie Empfangsgebäude,
Bahnsteige, Güterschuppen, die als Verkehrsanlagen
bezeichnet werden. Doch dienen die Bahnhöfe aucli
den innern Betriebszwecken der Bahnverwaltungen;
hierfür werden sie mit Aufstellgleisen für Wagen,
Lokomotivschuppen, Werkstätten usw. ausgerüstet.
Diese letztgenannten Bestandteile werden Betriebs-
anlagen genannt.
r. . „ , ,,, .... Im folgenden wird die Gestaltung
Darstellung der Gleisplane. . _ , , , ,
moderner ßahnhofsanlagen näher
beschrieben werden. Bei der Darstellung der Gleisanlagen und
Weichenverbindungen soll dabei eine vereinfachte Darstellung
angewandt werden, die an Abb. 1—5 näher zu erläutern ist. Der


Abb. 1. Symbolische Darstellung eines Gleises.
„ 2. „ „ einer Weiche.
„ 3. „ „ ,, Kreuzung.
„ 4. „ „ „ Kreuzungsweiche.
„ 5. Verzerrte Darstellung einer Gleisverbindung.
linke Teil der Abbildungen enthält die technische Darstellung,
der rechte die symbolische. Ein Eisenbahngleis, das aus zwei
Schienen und den Schwellen besteht, wird durch einen einfachen
Strich bezeichnet; die Abzweigung eines Gleises von einem
andern, eine sogen. Weiche, durch eine schwarze dreieckige
Fläche; die Kreuzung zweier Gleise durch zwei Dreiecke, die sich
mit den Spitzen berühren. Endlich eine Kreuzungsweiche nach
Abb. 4 durch 2 schwarze dreieckige Flächen mit zwei seitlichen
Strichen. Die Kreuzungsweiche ermöglicht nicht nur die
Fahrten a—b und c—d, sondern auch mittels der gebogenen
Gleise die Fahrten a—d und c—b. Die Gleispläne setzen sich
aus diesen Symbolen zusammen. Sie werden in der Regel, der
Übersichtlichkeit zu Liebe, „verzerrt“ gezeichnet, d. h. die
Längen werden gegen die Breiten stark verkürzt. Als Beispiel

ist in Abb. 5 die Verbindung zweier Gleise durch zwei Weichen
in technischer und symbolischer Form dargestellt.

Mittlere Zwischenstation
in Durchgangsform.

Die Zwecke der einzelnen
Balmhofsteile sollen zu-
nächst an dem Beispiel
einer mittleren Station in Durchgangsform (Abb. 6)
erläutert werden. Hier liegen die Betriebs-
und Verkehrsanlagen unmittelbar nebeneinander.
Die Bahn ist zweigleisig gedacht. Die beiden
von der Strecke kommenden Gleise werden
als „durchgehende Hauptgleise“ 1 und II tunlichst
gerade durch den Bahnhof hindurchgeführt. Sie
werden in der Pfeilrichtung durchfahren, so daß also
Züge von Westen in Gleis I, solche von Osten in
Gleis II einlaufen.

Das Empfangsgebäude enthält die Fahrkartenausgabe, Ge-
päckabfertigung und die Wartesäle. Die Bahnsteige sind in der
Regel abgesperrt und nur nach Durchschreiten der „Bahnsteig-
sperre“ zu erreichen. Sie wird erst kurze Zeit vor Eintreffen
des Zuges geöffnet. Von großer Wichtigkeit für eine rasche
Abwicklung des Verkehrs ist die zweckmäßige Ausgestaltung
der Bahnsteige. In unserem Beispiel sind zwei vorgesehen. Der
breite Bahnsteig am Gleis I wird Hauptbahnsteig genannt,
während der neben Gleis II liegende Zwischenbalmsteig heißt.
Die Reisenden nach Osten benutzen den Hauptbahnsteig, die-
jenigen nach Westen den Zwischenbahnsteig; sie müssen, um
dorthin zu gelangen, das Gleis I überschreiten und könnten dabei
von einem etwa dort einfahrenden Zuge erfaßt werden. Man
richtet deshalb im allgemeinen den Fahrplan so ein, daß un-
mittelbar vor der Abfahrt eines Zuges vom zweiten Gleis kein
Zug in das erste Gleis einläuft. Bei dichtem Zugverkehr läßt
sich diese Maßregel kaum durchführen. Man macht dann den
Zwischenbahnsteig durch Treppen und Tunnel (Bahnsteigtunnel)
zugänglich und verbietet überhaupt das Überschreiten der
Gleise. Bei Güt?rzügen ist meist ein längerer Aufenthalt er-
forderlich, sei es, daß man einzelne Stückgüter ein- und aus-
ladet, sei es, daß man Wagen aus dem Zuge wegnimmt oder
beistellt. Bei lebhafterem Personenverkehr läßt man daher die
Güterzüge nicht in den durchgehenden Hauptgleisen halten,
sondern lenkt sie in besondere Gleise (Überholungsgleise) ab,
um die Personenzüge vorbeifahren zu lassen. In Abb. 6 ist


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Abb. 6. Mittlere Zwischenstation in Durchgangsform.
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